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Ein Besuch im schönsten Milchladen der Welt – die Pfunds Molkerei in Dresden ist heute ein Käseparadies

5 Min. Lesezeit
Bild: Pfunds Molkerei 2 © Lvova Anastasiya (Львова Анастасия, Lvova) / Wikipedia CC0 1.0
Das Interieur von Pfunds Molkerei stammt im Original aus dem späten 19. Jahrhundert und hat die Zeiten überdauert

Baden in Eselsmilch? Kühe melken? Schafe streicheln?
Das alles können Sie leider nicht im gefliesten Neorenaissance-Ladengeschäft in der Dresdener Äußeren Neustadt.
Aber wir versprechen, dass Sie die prächtige Innenausstattung zum Staunen bringen wird und dass Sie auch als Feinschmecker auf Ihre Kosten kommen werden!

Es ist ein wahrlich langer Weg von 1879 bis in die Gegenwart. Mit seiner Frau, seinen Kindern und einem halben Dutzend Kühen, die man später beim Melken durch ein Schaufenster beobachten konnte, zog der ursprünglich in Dresden geborene Paul Pfund (1849-1923) vom Land zurück in seine Heimatstadt an der Elbe. Zusammen mit seinem schon 1883 verstorbenen Bruder Friedrich Pfund gründete er die Dresdener Molkerei Gebrüder Pfund. 1891 entstand schließlich der spektakuläre Bau, den wir heute bei unserer Tour mit dem Reisebus besuchen und in dem wir uns jetzt befinden. Er liegt an der Bautzner Straße, an der Grenze von Innerer zu Äußerer Neustadt; unweit der Elbe und etwa 750 m von der berühmten Waldschlösschenbrücke entfernt. Wegen ihrer Errichtung und Eröffnung im Jahr 2013 verlor die Stadt Dresden ihren Weltkulturerbetitel.

Das Ladenlokal der Pfunds Molkerei mit Restaurant und Café
Bild: Pfunds Molkerei Aussenansicht © User:32X / Wikipedia CC0 1.0
Auch von außen macht das Ladenlokal von Pfunds Molkerei etwas her. Drinnen werden Sie allerdings aus dem Staunen nicht mehr herauskommen

Der Glanz von Pfunds Molkerei

Internationale Berühmtheit erlangt die Pfunds Molkerei allerdings nicht wegen ihres Gründerzeitstils, sondern aufgrund ihres Interieurs. Der gesamte Laden und Verkaufsbereich sind über und über mit handbemalten Fliesen der Firma Villeroy & Bosch bemalt. Die Wände, aber auch die Decken, Böden und Tresen zieren Putten, Kühe, Landschaften, Schmetterlinge, Wappen und allerlei Gerätschaften aus dem Betrieb von Molkerei und Verkauf. Wir entdecken Drachen, Katzen, verschlungene Ornamente und florale Motive. Die Künstler der beauftragten Firma haben ganze Arbeit geleistet und dank der überstandenen Bombennächte von 1945 können wir seit der Eröffnung des Ladens im Jahr 1892 bis heute die außergewöhnliche Handwerkskunst bestaunen. Seit nunmehr 130 Jahren also.  

Ein Glass Milch
Bild: Milk glass © Stefan Kühn / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Hier handelt es sich tatsächlich um ein Glas frische Kuhmilch. Aber das Feld der Milchersatzprodukte ist groß geworden im 21. Jahrhundert. Es gibt Milch aus Getreideprodukten wie Soja, Hafer und Dinkel

Die Geschichte von Villeroy & Boch

Seit 1836 existiert das Unternehmen von Jean-Francois Boch und Nicolas Villeroy bereits. Im Saarland bauten sie 1843 ihr erstes Werk, die Cristallerie. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten sie Bodenfliesen mit eingelegten Mustern und die 17×17 cm großen Grundplatten mit ihren reichen Verzierungen und aufeinander bezogenen Bemalungen wurden zum Markenzeichen der urbanen Bauten und vornehmen Häuser zu Zeiten der Industrialisierung. Fliesen waren nämlich nicht nur besonders hygienisch, sondern auch in ihrer Ästhetik der Beginn einer neuen Epoche. Auch wenn man natürlich ergänzen muss, dass bereits die Römer sozusagen eine Keramikindustrie entwickelt hatten. Das Wort Keramik stammt sogar aus dem altgriechischen und bedeutet Ton (Keramos). In Athen gibt es einen Stadtteil mit dem Namen Kerameikos; dort lagen früher die Töpferwerkstätten. Wandfliesen, in Ägypten und Persien entstandene Traditionen, sind unaufhaltsam mit der arabisch-islamischen Kultur und den Mauren nach Spanien und Portugal geschwappt. Ohne eine Alhambra in Granada gäbe es sicher auch keinen reich verzierten Milchladen im Osten Sachsens. Qualität setzt sich eben durch. Dies gilt wohl auch für Villeroy & Boch, die seit 1990 an der Börse gehandelt werden und in den letzten Jahren bei einem Umsatz von weit über einer halben Milliarde Euro jährlich einen Gewinn von etwa 50 Millionen Euro abwerfen.

Eine Fliesenwand aus der Alhambra mit verschiedenen Motiven
Bild: Alhambra-p3-wall © Dmharvey / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Nicht nur die hier abgebildete Alhambra ist teilweise gefliest. Man denke an den Felsendom in Jerusalem (Fliesen aus dem 16. Jahrhundert) oder an die bläulich gefärbten Delfter Fliesen (17. Jahrhundert)

Das reichhaltige Angebot in der Pfunds Molkerei

Nachdem wir uns nun ausführlich mit dem Inneren der Pfunds Molkerei und mit der Geschichte der Fliese befasst haben, gilt es nun, die Augen nicht vor den angebotenen Waren zu verschließen. In einem Milchladen gibt es schließlich Milchprodukte. Die Wiener Milchausstellung von 1872 (solche tollen Veranstaltungen gab es tatsächlich schon im 19. Jahrhundert) lag gerade einmal 20 Jahre zurück, als die Pfunds Molkerei durchstartete. Sie steigerte sich von Anfangs 150 l Milch pro Tag zu einer Verarbeitung von täglich 60.000 l Milch im Jahr 1930. Daraus wurden Butter, Joghurts, Molken und auch Käse hergestellt. Nachdem die Meierei (so der nord- und ostdeutsche Begriff für Molkerei) 1972 in der DDR enteignet und 1979 ein Produktionsstop verfügt worden war, ist es schön zu sehen, dass heute wieder über hundert verschiedene Käsesorten in der Pfunds Molkerei angeboten werden. Es gibt Produkte aus Kuhmilch, Schafsmilch und Ziegenmilch. Pecorinos, Roqueforts, Camemberts, Blauschimmelkäse, Allgäuer, Gryer und vieles mehr warten darauf, von den Besuchern entdeckt, verpackt und mitgenommen zu werden. Und Besucher gibt es viele. Mehrere 10.000 Touristen schauen jedes Jahr in der Pfunds Molkerei vorbei. Die Dresdener Touristenbusse machen hier ebenso halt, wie vielleicht auch wir mit unserem Reisebus. 

Eine Käseplatte
Bild: Various cheeses © Maria from Washington, USA / Wikipedia CC BY-SA 2.0
Eine Käseplatte für daheim kann man sich auch in Pfunds Molkerei zusammenstellen lassen; oder aber man besucht das Restaurant im ersten Obergeschoss, wo allerlei Verköstigungen angeboten werden. Dazu wird passend auch mal ein Wein gereicht und es lässt sich auch für große Gruppen im Vorhinein reservieren

Von Milchbars und Milchersatzprodukten

Im Zuge der Prohibition in den 30er Jahren in den USA entstanden die ersten Milchbars. Zeitverzögert in Ost- und Westdeutschland dann vor allem in den 50er und 60er Jahren. Überhaupt lag die Milch (in erster Linie Kuhmilch) damals voll im Trend. Es gab berühmt gewordene Werbekampagnen wie Milch macht müde Männer munter und Die Milch macht´s!. Heute ist der Blick auf die Milch sehr viel kritischer geworden; teils aus Klimaschutzgründen und zu Gunsten des Tierwohls, teils aufgrund von Unverträglichkeiten. Tatsächlich gehören die Mittel- und Nordeuropäer zu den wenigen Gruppen auf der Welt, die vergleichsweise wenig Probleme mit der Aufnahme und Verdauung von Milchprodukten haben. Laktoseintoleranz ist weltweit extrem verbreitet und hat deutliche gesundheitliche Auswirkungen (Durchfall, Krämpfe, Übelkeit, Erbrechen). Für derart Betroffene hat sich ein eigener Industriemarkt entwickelt. Milchersatzprodukte sind auch bei uns im Kommen. Es gibt Hafermilch, Dinkelmilch, Reismilch, Kokosmilch, Mandelmilch und Sojamilch. Auch lactosefreie Milch kann eine sinnvolle Alternative sein. Dabei werden Milchproteine schon vor der Verdauung gespalten, was die Milch besser verträglich und nebenbei süßer macht. 

Ein schwarz-weiß Foto einer Milchbar der frühen 70er Jahre in der DDR.
Bild: Bundesarchiv Bild 183-87002-0003, Gerichshain, Blick in die Milchbar © Bundesarchiv, Bild 183-87002-0003 / CC-BY-SA 3.0 / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Eine Milchbar der frühen 70er Jahre in der DDR. Aus Milch kann man zum Glück auch Eis machen

Erinnerungen an die Pfunds Molkerei

Haben Sie schon mal wie Kleopatra in Eselsmilch gebadet? Wenn nicht, dann sollten Sie das unbedingt einmal ausprobieren. Jedenfalls werden im Laden neben der Pfunds Molkerei Milchseifen angeboten. Das ist doch schon mal ein Anfang und der erste Hauch von Luxus. Überhaupt gibt es so einige schöne Souvenirs wie Senf, Weine, Keramikfliesen und Kaffeebohnen. Stöbern Sie herum oder erwerben Sie zumindest eine der Postkarten als Erinnerung an diesen tollen Ausflug. Wir verabschieden Sie aus dem Laden, in dem Milch und Honig fließen!

Ein Melkkarussel mit Kühen in einem modernen Stall
Bild: Melkkarussell © Gunnar Richter Namenlos.net / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Melkkarussell in einem modernen Stall. Irgendwo muss die Kuhmilch ja herkommen. Dank verschiedener Label und Verbraucherschutz haben wir aber oft die freie Wahl, wie regional und biologisch unsere Milchprodukte sein sollen, die auf den Frühstückstisch kommen

Hinweise  

  • Dresdner Molkerei Gebrüder Pfund GmbH
    Bautzner Str. 79, 01099 Dresden
    Telefon: 0351/ 80 80 80
    E-Mail: info@pfunds.de
  •  Für Gruppenvorträge zur Geschichte der Pfunds Molkerei (mit oder ohne Käseverköstigung) können Sie auch die Inhaberin des Restaurants Sylke Hampel kontaktieren / Tel.: 0351/8105948 / E-Mail: info@restaurant-pfunds.de
  • Gebührenpflichtige Parkplätze für den Reisebus finden Sie jeweils drei barrierefreie Fußminuten entfernt in der Bautzner Str. 61 bzw. in der Prießnitzstr. 2
  •  In der Bautzener Straße gibt es ein paar Häuser weiter eine Dresdener Schokoladenmanufaktur, die unter der Woche von 11.00 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnet hat. Das passt doch ganz wunderbar als Ergänzung zum schönsten Milchladen der Welt.

Lesenswert  

  • Pfunds Molkerei: Der schönste Milchladen der Welt ist 2020 im Husum Verlag erschienen und kostet 10€
  • Wir empfehlen den Käse-Atlas von Tristan Sicard; erschienen 2019; 25€

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