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Der Bundestag im Reichstagsgebäude – Die Herzkammer der Demokratie

4 Min. Lesezeit
Der Bundestag im Reichstagsgebäude in Berlin Foto: © Karin Frucht

Das Reichstagsgebäude mitten in Berlin ist seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages. Es hat eine bewegte Geschichte, die lohnt angeschaut zu werden.
Was verbirgt sich in den Kellern und in den Zimmern des Bundestags?
Wie gelangt man auf die berühmte Kuppel?

In Berlin ist es üblich, dass man schon im Kindergarten und in der Grundschule den Bundestag besucht. So erzählte mir neulich meine zweiundzwanzigjährige Nichte, die heute Jura studiert. Auf meine erstaunte Nachfrage hin berichtete sie, dass es Fotos von ihrer Kindergartengruppe gibt, wo die kleinen Fünfjährigen an den Händen gefasst den Bundestag im Reichstag besuchen. Ja, das ist frühkindliche politische Bildung in Berlin! Alle, die wir nicht in Berlin beziehungsweise vor dem Mauerfall in aufgewachsen sind, müssen oder sollten das im Laufe des Lebens nachholen.

Wie kommt man überhaupt in den Bundestag?

Und wie gelangt man in das Gebäude? Muss man anstehen oder wie funktioniert der Eintritt? In der derzeitigen Situation der Pandemie muss man sich online auf der Seite des Deutschen Bundestages einen Besuchstermin reservieren. Dieser wird geprüft und man erhält eine Bestätigung per E-Mail. Hat man den Termin, dann sollte man sich 30 Minuten davor am Besuchergebäude des Bundestages einfinden, denn man muss, wie am Flughafen natürlich durch eine Sicherheitskontrolle, der Personalausweis und die persönlichen Angaben werden ebenfalls geprüft. Sodann wird man derzeit in kleinen Gruppen von sachkundigen Leuten, die meist seit Jahren diese Aufgabe haben, durch das Haus geführt. 

Es gibt allgemeine Führungen, Führungen zur Kunst und Architektur im Bundestag und den Besuch einer Bundestagsdebatte. Man kann auswählen. Das alles funktioniert übrigens barrierefrei. Es gibt Video-Guides für Kinder sowie für lern beeinträchtigte Menschen in leichter Sprache, Video-Guides für gehörlose Besucher und Tastkoffer für Sehbehinderte und blinde Menschen. Die Auswahlmöglichkeiten bieten die Vielfalt der Bevölkerung ab. Jedem soll und muss es ermöglicht werden, den Bundestag, die Herzkammer unserer Demokratie zu besuchen.

Welche Führungen gibt es durch den Bundestag?

Was passiert nun bei einer Führung? Man beginnt meist im Erdgeschoss nahe dem Eingangsbereich. Der Leiter der Führung erzählt Grundlegendes zur Geschichte des Hauses. Das Reichstagsgebäude wurde zwischen 1884 und 1894 nach Plänen von Paul Wallot im Stil der Neorenaissance am linken Ufer der Spree gebaut. Es beherbergte sowohl den Reichstag des Deutschen Kaiserreiches als auch den der Weimarer Republik. Nach der schweren Beschädigung durch den Reichstagsbrand am 27. und 28. Februar 1933 und im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude in den 1960er Jahren, in modernisierter Form wieder hergestellt. Historische Spuren wurden dabei weitestgehend verwischt und überbaut. Von 1995 bis 1999 wurde der Reichstag für die 1991 beschlossene dauerhafte Nutzung als Sitz des Deutschen Bundestages von dem britischen Architekten Sir Norman Foster grundlegend umgestaltet. Und ich muss sagen: es ist phänomenal gelungen!

Lebendige Geschichte im Bundestag

Unterschriften und Kommentare von russischen Soldaten
Inschriften sowjetischer Soldaten
Foto: © Karin Frucht

Schon im Eingangsbereich kann man ins Staunen geraten, denn an mehreren Wänden sind Inschriften sowjetischer Soldaten konserviert, die ihre Namen, ihr Geburtsdatum, ihren Geburtsort – natürlich in kyrillischen Buchstaben –  hinterlassen haben. So wird Geschichte lebendig. Ist doch die persönliche Handschrift ein lebendiges Signal eines Menschen, ein eindeutiges Lebenszeichen. Weiter geht es in verschiedene Räume, so in die Bibliothek. Hier findet man neben einladenden roten Ledersofas und zeitgenössischen Bildern in Öl die Protokolle aller Bundestagsdebatten und die gesammelten Sachbücher der Bundeszentrale für politische Bildung. Ich finde es gut und ein demokratisches Zeichen, dass die Bundestagsabgeordneten das gleiche zu lesen bekommen, wie jeder Bürger es sich für wenige Euro erwerben kann.

Das Gebäude steht im ehemaligen Grenzbereich der Berliner Mauer. Nach der Seite zum Brandenburger Tor hin verlief direkt neben dem damaligen Reichstagsgebäude die Berliner Mauer. Von der Westseite war es per Viermächtestatus verboten, die Fenster zu öffnen. Man konnte die Grenzposten vorbei laufen sehen. Das benachbarte Gebäude der heutigen Parlamentarischen Gesellschaft stand damals in der DDR. Der VEB Deutsche Schallplatten hatte hier ein Studio. Ich finde es immer noch, selbst nach zweiunddreißig Jahren, beeindruckend, wie scharf die Grenze verlief.

Der Rest des ehemaligen Tunnels zwischen dem Reichstagsgebäude und dem Haus der Parlamentarischen Gesellschaft im Untergeschoss des Bundestages
Das Fragment des Tunnels im Untergeschoss
Foto: © Karin Frucht

Es gab einen Tunnel zwischen dem heutigen Haus der Parlamentarischen Gesellschaft und dem Reichstagsgebäude. Möglicherweise hat Hermann Göring, der Reichstagspräsident war und seinen Sitz im damaligen Amtspalais direkt gegenüber  hatte, den Reichstagsbrand von hier aus legen lassen. Die Ursache des Reichstagsbrandes, der zur Machtergreifung der Nationalsozialisten führte, ist bis heute nicht geklärt. Das Fragment des Tunnels kann man  heute im Untergeschoss des Bundestages besichtigen. Der Schauder der Geschichte ergreift einen bei diesem Anblick.

Im Deutschen Bundestag findet man auch einen Andachtsraum. Ausdrücklich keine Kapelle, denn der Ort soll allen Religionen offen stehen. Es gibt darin auch eine nach Mekka ausgerichtete Stufe mit einem Fenster. Hier können Muslime beten. Ich finde diesen Andachtsraum einen bewegenden Ausdruck der Religionsfreiheit in unserem Land. Ein klares Zeichen unserer Demokratie. Der Raum wirkt sehr angenehm. Ist mit viel Holz ausgestattet, das entspannend wirkt. An den Wänden sind schöne, fließend erscheinende  Nagelbilder des Künstlers Günther Uecker anzuschauen.

Die Hauptattraktionen im Bundestag

Der Plenarsaal des Deutschen Bundestages
Der Plenarsaal des Deutschen Bundestages
Foto: © Karin Frucht

Es gibt noch viel zum Gebäude des Bundestages zu erzählen. Der große Plenarsaal bietet allen 736 Abgeordneten Platz. Gäste, Pressevertreter und andere Besucher finden auf den Zuschauertribünen nach vorheriger Anmeldung ihre Sitze.

Der Weg in die Kuppel, den man nach der Fahrt mit einem Aufzug zu Fuß geht, ist besonders lohnenswert. Hier oben bietet sich eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, nach Süd und Nord, Ost und West.

Durch eine bestimmte Anordnung von Spiegeln im Inneren der Kuppel wird Tageslicht in den Plenarsaal geholt, außerdem die Frischluft und die Energie für die Heizung. Dadurch müssen kaum fossile Brennstoffe verwendet werden. Das Gebäude des Bundestags funktioniert sehr nachhaltig. 

Durch Spiegel in der Kuppel des Bundestages wird nachhaltig Energie erzeugt
Durch Spiegel in der Kuppel des Bundestages wird nachhaltig Energie erzeugt
Foto: © Karin Frucht

Man kann sich auch unabhängig von einer Führung im Bundestag Plätze im Dachgartenrestaurant Käfer reservieren. Von hier oben hat man ebenfalls Zugang zu den Dachterrassen und kann bei Kaffee und Kuchen, Mittag oder Abendessen die große Berliner Aussicht genießen.

Die Aussicht von der Kuppel des Deutschen Bundestages über Berlin
Die Aussicht von der Kuppel, im Hintergrund der Fernsehturm
Foto: © Karin Frucht

Noch etwas zum Abschluss. Am Portal des Deutschen Bundestages steht die nicht zu übersehende Inschrift in Großbuchstaben DEM DEUTSCHEN VOLKE. Diese wurde Ende 1916 von der Berliner Bronzegießerei Albert und Siegfried Loevy angebracht. Die Familien wurden – weil sie Juden waren – Opfer des Nationalsozialismus. Sie wurden verfolgt, enteignet und in Plötzensee, Theresienstadt und Auschwitz ermordet. 

Das dürfen wir, die wir heute leben, nie vergessen. Die Abgeordneten im Deutschen Bundestag begleiten diese Schicksale bei all ihrer Arbeit. 

Hinweis

Parkplätze für Busse und Fahrräder sind nicht direkt am Bundestag. Man muss sie sich selber suchen.

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