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Borsigs Dampfloks aus Tegel

5 Min. Lesezeit
Das denkmalgeschützte Borsigtor mit dem Verwaltungsgebäude in Tegel Foto: © Christian Klam

Entweder mit unserem flotten Reisebus oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln können wir zum Ortsteil Tegel des nordwestlich vom Stadtzentrum gelegenen Berliner Bezirks Reinickendorf fahren. Vor Ort wollen wir sowohl das denkmalgeschützte Borsigtor als auch den markanten Borsigturm auf dem ehemaligen Werksareal des größten Dampflokomotivenherstellers Europas des ausgehenden 19. Jahrhunderts besuchen.

Ganz im hohen Nordwesten Berlins liegt der nicht nur von Wäldern und Seen charakterisierte, sondern auch von den schmucken Altbauten der Gründerzeit und von den sachlichen Wohnsiedlungen der 1920er bis 1950er Jahre geprägte Bezirk Reinickendorf. Ein Ortsteil von Reinickendorf ist das grüne Tegel, mit seinem von der breiten Havel gespeisten Tegeler See, mit dem von Karl Friedrich Schinkel erbauten und von dem berühmten Brüderpaar Humboldt einstmals bewohnten Tegeler Schloss, dem früheren Flughafen Otto Lilienthal sowie den ehemaligen Borsigwerken. Die heute inmitten altehrwürdiger Berliner Backsteinarchitektur auf dem vorherigen Werksgelände gelegene Shopping Mall, ‚Hallen am Borsigturm’, beherbergt Kinos, Restaurants, Coiffeur-Salons, Boutiquen und kultivierte Cafés. Aus vielen nachvollziehbaren Gründen ist Tegel seit über 150 Jahren sowohl für ‚originale’ Reinickendorfer als auch für deren gern gesehene Gäste ein beliebtes Ausflugziel nicht nur während der warmen Sommermonate. Auf dem nach dem Köpenicker Müggelsee zweitgrößten Gewässer der Hauptstadt, dem weitflächigen Tegeler See, können größere Dampferfahrten wie auch kleineres Tretbootfahren unternommen werden. Zahllose Familien mit ihren Kindern fühlen sich hingegen auch bei einem lukullischen Picknick am idyllischen See sehr wohl, der eigentlich nur eine weit verzweigte Ausbuchtung der Havel ist. 

Das Ufer des Tegeler Sees mit einer Bootsanlegestelle. Im Hintergrund ist die Villa Borsig erkennbar
Bild: Tegeler Forst an der Malche 06 © Advaitadost / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Tegeler See, ein beliebtes Ausflugsziel. Im Hintergrund die Borsig Villa

Außerdem war Tegel schon immer ein wichtiger Wirtschafts- und Ausbildungsstandort. Einerseits haben hier Motorola, Herlitz oder Borsig ihre weitläufigen Firmengelände und Gewerbeparks, andererseits ist in der repräsentativen, von Eugen Schmohl auf der heutigen Halbinsel Reiherwerder errichteten Villa Borsig für angehende Diplomaten die Akademie des Auswärtigen Amtes untergebracht. 

Eine Villa zwischen Bäumen am Ufer des Tegeler Sees
Bild: Tegel Reiherwerder Villa Borsig © Fridolin freudenfett / Wikipedia CC BY-SA 4.0
Die Villa Borsig in Tegel auf der Halbinsel Reiherwerder

Das neogotische Borsigtor des früheren Betriebsgeländes der Borsigwerke 

Die Marmorbüste des Kopfes von August Borsig
Bild: 2013 06 23 Zeughaus August BorsigIMG 4057 (2) © fotografiert im Zeughaus / Wikipedia CC BY 3.0
August Borsig, Gründer der Borsigwerke

Als die couragierten Fabrikanten der Firma A. Borsig GmbH, Europas größtem Dampflokomotivenhersteller am Ende des 19. Jahrhunderts, die Absicht besaßen, ihre neue Maschinenfabrik in Tegel zu errichten, sollte jene mehr sein als nur ein reiner Fabrikstandort. Es war beabsichtigt, der ganzen Welt zu zeigen, was für ein bedeutender und im Zuge der Industrialisierung erbauter Produktionsbetrieb und prosperierender Firmensitz im hohen Norden Berlins entstanden war. Sehr plastisch können wir uns den damaligen Dampflokomotivenbau und die frühere in den Montagehallen der Borsigwerke vorherrschende Atmosphäre jener Zeit in dem aus sechs Bildern bestehenden Gemäldezyklus aus der ‚Lebensgeschichte einer Lokomotive’ des Berliner Malers Paul Friedrich Meyerheim vorstellen. 

Ein historisches Gemälde, das Männer beim Bau einer Dampflok zeigt
Bild: Meyerheim-4 © Paul Friedrich Meyerheim artist QS:P170,Q1714991 / Wikipedia CC0 1.0
Das Gemälde „Aus der Lebensgeschichte einer Lokomotive“ von Paul Friedrich Meyerheim zeigt die Endmontage

Zudem vermittelt das vom Breslauer Künstler Adolph von Menzel geschaffene Gemälde ‚Eisenwalzwerk ein realistisches Bild vom technischen Fortschritt der Industrialisierung in jenen Jahrzehnten vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs. 

Ein großes Backsteintor mit zwei Türmen, das über dem Durchgang den Namen A.Borsig trägt
Das Borsigtor mit dem prominenten Schriftzug des Gründers der Borsigwerke August Borsig
Foto: © Christian Klam

Darüber hinaus hatte sich das im Jahre 1898 von den beiden Architekten Reimer & Körte entworfene und heute denkmalgeschützte Borsigtor am Eingang des damals modernen Industriegeländes der Borsigwerke sehr schnell zum augenfälligen Erkennungssymbol des neuen Unternehmenssitzes entwickelt. Das prächtige Borsigtor war ganz und gar nicht nur eine einfache Werkseinfahrt. Mit seinen aus roten Backsteinen erbauten massiven Rundtürmen und dem zinnenbekrönten Torbogen wirkt es noch heute auf uns wie ein prunkvolles mittelalterliches Stadttor. In Wirklichkeit stammt das Borsigtor aber nicht aus dem fernen Mittelalter, sondern aus der aufstrebenden Epoche der industriellen Revolution am Beginn des 20. Jahrhunderts. Allerdings hat die noch immer populäre märkische Backsteingotik bei der bemerkenswerten Konstruktion des Borsigtors offensichtlich Pate gestanden, weil in der erfolggekrönten Epoche des Zweiten Deutschen Kaiserreichs, von 1871-1918, vorwiegend der gediegene Architekturstil des Historismus als ideales Vorbild galt, um repräsentativ zu bauen. Nicht zufällig wurde die auf dem zentralen Breitscheidplatz gelegene Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im historistischen Architekturstil der Neoromanik errichtet. 

Die Spitze eines der beider Türme des Borsigtors mit Spitzdach und Fensterblenden
Ein Detail eines Turmes des Borsigtors mit Fensterblende und Maßwerk
Foto: © Christian Klam

Unser Rundgang beginnt

Unseren ausgedehnten Rundgang durch den heute innovativ genutzten Gewerbepark der denkmalgeschützten Borsigwerke mit seinem modernen Freizeitzentrum und seiner lukrativen Shopping Mall beginnen wir am besten am burgartig angelegten Borsigtor, das sich unmittelbar am Eingang ‚Borsigwerke’ des 1958 in Betrieb genommenen Bahnhofs der U-Bahnlinie, der U6, befindet. Gleich linker Hand steht das adaptierte Modell einer in den ehemaligen Montagehallen der Borsigwerke zusammengebauten Dampflok.

Eine Dampflokomotive aus Stahl als Kunstwerk
Das Modell einer Dampflokomotive neben dem Borsigtor
Foto: © Christian Klam

Wohingegen wir auf unserer rechten Seite ein gleichfalls unter Denkmalschutz stehendes und im neogotischen Architekturstil mit einem charakteristischen Stufengiebel erbautes Verwaltungsgebäude anschauen können.      

Ein Verwaltungsgebäude aus rotem Backstein mit Stufengiebel
Das neogotische Verwaltungsgebäude der Borsigwerke stammt von den Architekten Reimer & Körte
Foto: © Christian Klam

Berlins erstes Hochhaus – der Borsigturm      

Als die im Jahre 1827 vom erfolgreichen Unternehmer August Borsig vor dem Oranienburger Tor gegründeten und in nur wenigen Jahren zu Europas größtem Lokomotivproduzenten avancierten Borsigwerke 1894/95 nach Tegel umgezogen waren, wurde deren neues Firmengelände im Norden Berlins sukzessive ausgebaut. Im Zuge der durchorganisierten Erweiterungsarbeiten des Tegeler Werksgeländes erhielten die aufgeschlossenen Hauptstädter mit dem in den Jahren von 1922 bis 1924 konstruierten und fernab vom Stadtzentrum gelegenen 12 Stockwerke – beziehungsweise 65 Meter – hohen Bürogebäude ihr erstes wirkliches Hochhaus präsentiert. 

Ein hoher Backsteinturm, der Borsigturm
Der Borsigturm, Berlins erstes wirkliches Hochhaus
Foto: © Christian Klam

Schnell sprach der weit bekannte und manchmal ein wenig gefürchtete Volksmund, die ‚große Klappe’ der Berliner, von dem inzwischen denkmalgeschützten, ‚Borsigturm’, der zum populären Wahrzeichen der Borsigwerke wurde. Er steht noch heute auf seinem ursprünglichen Platz und wirkt, gleich einem prähistorischen Dinosaurier, als eines der letzten Relikte aus einer längst vergangenen Industrieepoche. Der als mächtiges Stahlskelett zusammen montierte Borsigturm, dessen ausgeklügelte Fassaden aus Backsteinen gemauert sind, wurde ursprünglich als ein reiner Zweckbau ohne dekorative Elemente geplant. Demnach sollte der kolossale Turm vorrangig keinen repräsentativen Intentionen dienen, sondern seine tatsächliche Funktion war es, eine tragfähige Lösung für die beengten Platzverhältnisse auf dem Tegeler Werksgelände zu bieten. Gleichwohl ist es bemerkenswert, dass am originellen Borsigturm erstmals in der Berliner Industriearchitektur auch expressionistische Bauelemente verwendet wurden, mit denen der Ludwigsburger Architekt Eugen Schmohl durchaus auch einen künstlerischen Akzent setzte. Baumeister Schmohl hat einige Jahre danach das ebenfalls mit einem großen Turm versehene und im Süden Berlins gelegene Ullsteinhaus in Tempelhof erbaut. Im Gegensatz zum Tempelhofer Ullsteinturm wurden im Tegeler Borsigturm tatsächlich Büros untergebracht, so dass er nicht wie ersterer als ein gigantisches Gehäuse fungierte. Interessanterweise bilden die alten und die neuen Gebäude des gern frequentierten ‚Zentrums am Borsigturm’ einen ausgesprochen reizvollen architektonischen Kontrast. 

Es ist bedauerlich, dass die verheerende Wirtschaftskrise des Jahres 1929 dazu geführt hatte, dass der einstmals als ein erfolgreiches Familienunternehmen geführte Konzern nicht überleben konnte. Trotzdem existiert nach mehreren Besitzerwechseln die Firma Borsig noch heute weiter. Hingegen musste das früher effizient produzierende Werksgelände in Tegel aufgegeben werden. In den 1970er Jahren wurde der fulminante Borsigturm, das erste Hochhaus Berlins, sorgfältig renoviert. Sein Inneres ist für neugierige Besucher nicht zugänglich, weil es noch heute als zweckdienliches Bürogebäude genutzt wird. 

Hinweis

Sowohl das neogotische Borsigtor als auch der Borsigturm sind beide barrierefrei erreichbar. Wenngleich letzterer nicht betreten werden kann.

Eine Besichtigung der Villa Borsig und deren Park auf der Halbinsel Reiherwerder ist nicht möglich.    

Link

Borsigturm in Berlin – Sehenswürdigkeit – Berlinstadtservice

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