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Die Heiliggeistkirche in Wittstock

4 Min. Lesezeit
Der Turm der Heiliggeistkirche in Wittstock mit seiner Turmknopf-Wetterfahne Foto: © Christian Klam

Wer Freude an hübschen mittelalterlichen Bauwerken hat, der sollte sich neben dem eindrucksvollen Gröper Torturm auch die sorgfältig renovierte Heiliggeistkirche anschauen, die beide in unmittelbarer Nähe im Norden der beschaulichen Altstadt von Wittstock seit vielen Jahrhunderten zusammen stehen.

Nach unserem Besuch des spätgotischen Gröper Torturms wollen wir uns der erwähnenswerten Heiliggeistkirche der Stadt Wittstock zuwenden. Beide mittelalterlichen Baudenkmäler liegen keine 100 Meter voneinander entfernt, so dass wir es uns überlegen können, ob wir in unseren bequemen Reisebus einsteigen wollen oder ob wir diese kurze Strecke nicht doch lieber mit einem entspannten Spaziergang zu Fuß an der frischen Luft zurücklegen sollten. Für welche der beiden Varianten wir uns auch immer entscheiden, vom Gröper Torturm des 15. Jahrhunderts müssen wir auf jeden Fall die Gröperstraße entlang bis an die Ecke Baustraße/Heiliggeiststraße kommen, um in die dortige Heiliggeistkirche zu gelangen.

Ein gemauerter Fensterbogen aus Backstein in der Heiliggeistkirche in Wittstock
Der Fensterbogen lässt die lange Vergangenheit der Heiliggeistkirche erahnen
Foto: © Christian Klam

Fromme Pilger auf dem Weg zur Wunderblutkirche in Wilsnack rasten bei der Heiliggeistkirche 

Wenngleich die Heiliggeistkirche beinahe genauso alt wie die den zentralen Marktplatz dominierende Stadtpfarrkirche Sankt Marien und Sankt Martin ist, so unterscheiden sich beide Gotteshäuser dennoch in einem entscheidenden Punkt. Während die imposante und reich ausgestattete Pfarrkirche vorrangig der Wittstocker Stadtbevölkerung mit ihren ortsansässigen Händlern sowie den einzelnen Zünften der Handwerker als bevorzugte Andachtsstätte gedient hatte, haben sich in der Heiliggeistkirche vor allem ortsfremde Kaufleute, fahrende Scholare und auch fromme Pilger zum stillen Gebet und zum gemeinsamen Abendmahl versammelt. Unter den zahlreichen Wallfahrern werden viele gewesen sein, die hier in Wittstock eine kleine Rast eingelegt und eine Herberge oder einen Gasthof für ein ruhiges Nachtquartier gesucht haben.

Eine Kirche aus Backstein vor blauem Himmel
Bild: BadWilsnackWunderblutkirche © MrsMyerDE / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Die Wunderblutkirche in Bad Wilsnack

Diese gottesfürchtigen Pilger waren auf ihrem langen Weg in die einstmals als ‚Vormark’ bezeichnete Prignitz, wo sie die circa 60 Kilometer entfernt gelegene Wunderblutkirche Sankt Nikolai im heutigen ‚Bad’ Wilsnack aufsuchen wollten. Die mittelalterliche Wunderblutkirche war vom 14. bis zum 16. Jahrhundert neben dem bekannteren Jakobsweg, dem Camino de Santiago, zum nominellen Grab des Heiligen und Apostel Jakobus dem Älteren, Jacobus Maior, im galizischen Santiago de Compostela ein weiteres beliebtes Wallfahrtsziel von gesamteuropäischem Rang.

Ein hölzener Schrein mit bemalten Heiligen auf den zwei Flügeln
Bild: BadWilsnackWunderblSchrein © MrsMyerDE / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Schrein der Wunderblutkapelle

Der unerschütterliche Glaube an ein sagenhaftes Hostienwunder, das nach 1383 zur schnellen Popularität des Prignitzer Wallfahrtsortes Wilsnack am kleinen Flüsschen Karthane geführt hatte, sind in zeitgenössischen Quellen gut und mehrfach dokumentiert worden.

Ein hölzener Schrein mit zwei Flügeln und bemalten Heiligenfiguren auf den Türen
Bild: Wunderblutkirche (Bad Wilsnack) 18 Schrein © Urphoto / Wikipedia CC BY-SA 4.0
Die Flügeltüren des Schreins der Wunderblutkirche sind aufwändig bemalt

Jakob Schünemann reicht das Abendmahl auf evangelische Weise – in ‚beiderlei Gestalt’ 

Nachdem die damaligen Gläubigen die stattliche Heiliggeistkirche betreten hatten, befanden sie sich in einem kreuzgewölbten Backsteingebäude, das um das Jahr 1300 errichtet worden war. 

Knapp einhundert Jahre später hatten die mittelalterlichen Handwerker die Errichtung des obligatorischen Kirchturms in der Form eines einfachen Spitzhelms abgeschlossen. Unser Buskompass-Autor hat bereits in einem früheren Artikel darüber berichtet, dass der letzte katholische Bischof von Havelberg, Busso II. von Alvensleben, 1548 in seinem exorbitanten Feudalsitz in der Alten Bischofsburg in Wittstock verstorben war, in der er zuvor 26 Jahre lang residiert hatte. Es spricht für den rasanten Wandel der damaligen Zeit, dass nur ein Jahr danach, am 8. September 1549, in der Wittstocker Heiliggeistkirche nun zum ersten Mal das Abendmahl in ‚beiderlei Gestalt’ – auf evangelische Weise – den Gläubigen durch den ehemaligen Franziskanermönch Jakob Schünemann gereicht worden war. Schünemann, der Franziskaner, stammte aus der märkischen Kleinstadt Kyritz an der Knatter, dessen amüsanter Name den knatternden Wassermühlen an der Jäglitz nachempfunden worden war. Bereits vier Jahre später hielt Pfarrer Liest in der Heiliggeistkirche dann die erste evangelische Predigt. 

Untergang und Neuaufbau – die Heiliggeistkirche nach dem großen Stadtbrand von 1716

Gut 150 Jahre nach der Etablierung einer neuen Kirchenordnung, die 1539 die Reformation in Brandenburg einführte, hatte ein verheerender Blitzschlag in den Spitzhelm des Turms des Gotteshauses dazu geführt, dass jener völlig ausgebrannt war. Einige Jahre nach diesem unerfreulichen Ereignis hatte der leichtsinnige Apotheker Georgi in der Adler-Apotheke 1716 ein nicht mehr zu kontrollierendes Feuer ausgelöst, das sich geschwind zu einem großen Stadtbrand entwickelte, bei dem auch die stilvolle Heiliggeistkirche schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war. Heutige Historiker vermuten, dass die gewaltige Flammensäule zum Einsturz des gotischen Kreuzgewölbes geführt hatte. Daraufhin wurde die Kirche schon 14 Jahre später, dieses Mal allerdings ohne ein signifikantes Kreuzgewölbe, wieder errichtet. Im Verlauf des rechteckigen Neubaus des Gotteshauses in Backsteintechnik erhielt auch der Turm seine heutige Gestalt. Nun konnte die rekonstruierte und verputzte Kirche erneut feierlich eingeweiht werden.

Ein Turm auf einem Kirchdach mit einer Wetterfahne
Das Turmdach mit seiner charakteristischen Turmspitze mit Turmknopf
Foto: © Christian Klam

Schließlich wurde 1732/33 der fest gefügte Kirchturm mit einem neuen, eckigen Turmdach bekrönt. Darüber befindet sich der offene und rundgebaute turmartige Aufsatz, die sogenannte Dachlaterne, die vom Turmhelm bedeckt wird. Das obere Ende des Helms geht in die eigentliche Turmspitze über, an der ein weithin sichtbarer Turmknopf mit einer darüber befindlichen kleinen Wetterfahne angebracht worden war. Somit ist die heutige architektonische Bauform der Heiliggeistkirche aus der Zeit des 18. Jahrhunderts charakterisiert.

Ein großes Kirchenfenster mit Rundbogen der Heiliggeistkirche in Wittstock
Die Kirche wurde nach dem Stadtbrand in Backsteintechnik wieder aufgebaut
Foto: © Christian Klam

Die Epoche des Barocks muss ebenfalls weichen – die Heiliggeistkirche im 20. Jahrhundert

In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden das ausdrucksvolle und üppige Barockinventar der Kirche wie ihr Altar und ihr Gestühl aber auch deren Seitenchöre entfernt. Aus der gefühlsbetonten barocken Epoche des 16. Jahrhunderts ist lediglich ein imposantes großes Leuchterpaar aus Messing erhalten geblieben. Nach der umfassenden Renovierung des Gotteshauses avancierte es zum Mittelpunkt des lebendigen Gemeindezentrums ‚Heilig-Geist’. 

Ein Kirchenfenster mit einer aufwändigen Verglasung
An diesem Fenster zeigen sich die gründlichen Renovierungsarbeiten
Foto: © Christian Klam

Im Verlauf der gründlichen Renovierungsarbeiten war auch der wohlgestaltete Turm mit Kupferblech erneuert worden, das inzwischen längst wieder ihre permanente blau-grüne Patina angenommen hat. An dieser Stelle soll noch erwähnt werden, das sich links vom ansehenswerten Heiliggeist-Kirchturm die mittelalterliche Ratswaage befand, mit der die Gewichte der auf dem Marktplatz angebotenen Waren vor aller Augen öffentlich überprüft werden konnten.

Hinweis

Heiliggeistkirche

Heiliggeiststraße 1
16909 Wittstock/Dosse 

✆ 03394 433300

Die Heiliggeistkirche ist barrierefrei begehbar.

Literatur

Müller, Hans: Dome· Kirchen· Klöster. Kunstwerke aus zehn Jahrhunderten, ein Tourist-Führer. Berlin & Leipzig 21986, S. 258f. 

Trost, Heinrich u.a.: Bau- und Kunstdenkmale, hg. vom Institut für Denkmalpflege. Berlin 1978, S. 440

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