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Das Gohliser Schlösschen – Leipzigs Kleinod aus dem Spätbarock

6 Min. Lesezeit
Bild: Leipzig Gohliser Schloesschen © Radler59 / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Das Gohliser Schlösschen. 1756 als Sommerpalais erbaut

Schon Goethe wusste Wem nicht wohl ist, der geh nach Gohlis. Folgen wir ihm und besuchen wir das Gohliser Schlösschen und das Schillerhaus. Ein Schloss muss nicht  groß sein, um zu verführen. Entdecken Sie, was der sächsische König im Schlossgarten zu suchen hat und wo Schiller seine Ode an die Freude schrieb.

Im eigenen Inneren kann man sie entdecken, die Psyche. Auch bei unserem heutigen Ausflug können wir sie ganz im Inneren finden, im Inneren des Gohliser Schlösschens. Ein prächtiges Deckengemälde trägt den Titel Der Lebensweg der Psyche. Gemeint ist jene Psyche, die als sterbliche Geliebte des Liebesgottes Amor nur so lange die Nächte mit diesem verbringen durfte, wie sie darauf verzichtete, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Doch sie konnte nicht widerstehen, entzündete eine Kerze über dem schlafenden Amor und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Die Geschichte ist über 2000 Jahre alt und stammt von dem antiken Dichter Apuleius. Das Deckengemälde im Festsaal des Gohliser Schlösschens bringt es immerhin auch schon auf weit über 200 Jahre. Fertiggestellt hat es der Maler, Bildhauer und erste Direktor der Leipziger Zeichen-, Malerei- und Architekturakademie Adam Friedrich Oeser im Jahr 1779.

Das Deckengemälde im Gohliser Schlösschen. Es zeigt das Bild "Der Lebensweg der Psyche" von A.F. Oeser
Bild: 20090908435MDR Leipzig Gohliser Schlößchen © Jörg Blobelt creator QS:P170,Q28598952 / Wikipedia CC BY-SA 4.0
Deckengemälde im Gohliser Schlösschen. Der Lebensweg der Psyche von A.F. Oeser

Das Gohliser Schlösschen. Erbaut als spätbarockes Sommerpalais

Der Ratsherr und Kaufmann Johann Caspar Richter hat sich ein paar Jahre zuvor, nämlich 1756, das Gohliser Schlösschen als wenn auch kleines, aber durchaus feudales Sommerpalais errichten und einrichten lassen. Zu dieser Zeit war Gohlis noch eine kleine Gemeinde mit Bauernhöfen und Rittergütern. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie dann Leipzig zugeschlagen. Aus dieser Zeit stammen auch die zahlreichen Villen und Gründerzeithäuser, die den Stadtteil am nördlichen Rand des Leipziger Rosentals bis heute prägen. 

Der langgezogene Seitenflügel des Gohliser Schlösschens
Bild: Gohliser Schlösschen (Leipzig-Gohlis) Nebengebäude © Thomas Schwenski / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Kurzweil im Gohliser Schlösschen: Der Seitenflügel beherbergte einst Kegelbahn und Billardzimmer

Klein, aber fein. Alles, was ein Schloss haben muss!

Dieser Musenhof am Rosental ist ein spätbarockes Schlösschen mit Glockenturm, Garten, Zierbrunnen, Orangerie und einer unglaublichen Ruhe. Im kleinen, wohl proportionierten Garten begegnen wir einem von Oeser geschaffenem Standbild des ersten sächsischen Königs Friedrich August I.. Die beiden Seitenflügel umschließen uns und lassen den Blick hinauf zum 60 Meter hohen Glockenturm wandern. Es werden 45-minütige Führungen durch dieses prächtige kleine Baudenkmal angeboten. Die Räumlichkeiten sind verträumt und liebevoll eingerichtet, was nicht heißt, dass ein Klavierflügel fehlen würde. Das Schloss wurde nach der Wende viele Jahre lang aufwendig saniert, Mitte des vergangenen Jahrzehnts dann auch das Deckengemälde mit der Psyche. Um die kümmert man sich ja bekanntlich als Letztes.

Der Schlossgarten mit Springbrunnen. Im Hintergrund das Gohliser Schlösschen
Bild: Gohliser Schlösschen (Leipzig-Gohlis) Park © Thomas Schwenski / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Herrliche Ruhe im Schlossgarten. Das Gohliser Schlösschen zeigt sich von seiner erfrischenden Seite

Gohliser Schlösschen. Wechselvolle Geschichte

Für Gruppenführungen können Sie sich seit 2021 direkt an den neuen Betreiber Musenhof am Rosental gGmbH wenden – der wunderschöne Garten ist natürlich barrierefrei zugänglich, für das Schlösschen selbst gilt dies leider für Rollstühle nur sehr eingeschränkt. Schon für den Zugang zur unteren Etage müssen Sie drei Stufen überwinden. Auch die in der Regel sonntags stattfindenden Führungen sind leider nicht barrierefrei. Dabei erfahren Sie  einiges zur wechselvollen Geschichte des Gohliser Schlösschens. So diente es während der Leipziger Völkerschlacht 1813 als Hospital, im Zweiten Weltkrieg gab es Schäden durch Brandbomben und zu DDR-Zeiten beherbergte es das Bach-Archiv. Nach der Wende wurde es lange vom Verein Freundeskreis Gohliser Schlösschen betrieben. Deren künstlerisch-kultureller Handschrift soll auf jeden Fall fortgeschrieben werden. Es gibt Konzerte mit klassischer Musik, der Garten findet als Freilichtbühne Verwendung. Theater und Lesungen sind möglich, ein Kunstmarkt wird geplant. 

Das Gohliser Schlösschen mit seiner repräsentativen Wirkung kann natürlich auch für Hochzeiten, Empfänge und Tagungen angefragt werden. Wenn Sie auch bei Ihrem Besuch im größeren Stil gastronomisch versorgt werden möchten, nehmen Sie bitte vorher Kontakt auf. Es gibt aber auch ein Café, damit Sie ein prächtiges Stück Torte im Barockgarten genießen können. Auch kleine Zwischenmahlzeiten wie eine Quiche oder einen frischen Salat bekommen Sie hier. Das klappt auch ganz sicher ohne jegliche Vorreservierung! Und natürlich haben das – wie könnte es an einem Ort in Leipzig anders sein – auch schon Goethe und Schiller vor Ihnen genossen. Zumindest stammt der Ausspruch Wem nicht wohl ist, der geh nach Gohlis von Johann Wolfgang von Goethe, auf dessen Leipziger Spuren zu wandeln eine eigene Reise wert ist. Den Reisebus benötigen Sie allerdings nicht, wenn Sie schon hinter dem Gohliser Schlösschen an der Pforte des Gartens stehen und vom Poetenweg aus zum Schillerhaus möchten. Dieser Abstecher bietet sich ebenso wie ein Spaziergang durch das gleichfalls sehr nahe gelegene Rosental an und ist in nur wenigen Minuten über teilweise kopfsteingepflasterte Straßen flanierend zu erreichen.

Das Schillerhaus hinter einem Zaum mit einem aufwendigen Portal
Bild: Schillerhaus Menckestrasse Leipzig 2009 © Appaloosa / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Ganz in der Nähe vom Gohliser Schlösschen: Das Schillerhaus. Hier arbeitete Friedrich Schiller im Sommer 1785 an seiner Ode an die Freude

Das Schillerhaus – Ode an die Freude

Das Schillerhaus gehört zum stadtgeschichtlichen Museum Leipzig und ist weit und breit das älteste noch erhaltene Bauernhaus, es existierte schon gut hundert Jahre vor der Völkerschlacht. 1717 wurde es errichtet und als Friedrich Schiller hier 1785 die Sommermonate verbrachte, er lebte und arbeitete in der Dachstube des Hauses, arbeitete er an seinem berühmten Gedicht Ode an die Freude. Viel später sollte Beethoven dieses in seiner 9. Sinfonie vertonen. Selbst dem nicht der Klassik zugewandten Reisenden ist ganz sicher die Melodie der Europahymne bestens vertraut. Barrierefreie Führungen sind leider in dem verwinkelten Häuschen nicht möglich. Gruppen von etwa 6-15 Personen können sich aber nach vorheriger Absprache bevorzugt unter der Woche für 60€ von Museumspädagogen durch das über 300 Jahre alte Gebäude führen lassen. Unter dem Aspekt der Barrierefreiheit für Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit gibt es hier übrigens etwas Tolles zu entdecken; nicht nur, dass der kleine herrliche Garten je nach Jahreszeit duftet und blüht, es gibt hier draußen auch ein Modell aus Eisen, welches das Gebäudeensemble tastend erfahrbar macht. Für die Sehenden gibt es innen ein flächenmäßig noch deutlich größeres Modell, welches das Gohlis des 18. Jahrhunderts zeigt. 

Das Schillerhaus auf einem Stahlstich von Albert Henry Payne aus der Mitte des 19. Jahrhunderts
Bild: Payne Leipzig Schillers Haus © Don-kun / Wikipedia CC0 1.0
Das 1717 erbaute Schillerhaus ist das älteste erhaltene Bauernhaus Leipzigs. Hier dargestellt auf einem Stahlstich von Albert Henry Payne aus der Mitte des 19. Jahrhunderts

Zeit, um Abschied zu nehmen

Neben einigen ausgewählten Exponaten ist es hier vor allem die Authentizität, der Geist des Ortes, der einen fast 250 Jahre zurückversetzt. Das Schillerhaus hat ganzjährig jeweils vom späten Vormittag bis zum späten Nachmittag geöffnet. Außerdem finden in den Sommermonaten auch hier im Garten auf einer kleinen Freilichtbühne Veranstaltungen statt. Fragen Sie nach! Und wenn gerade nichts auf dem Programm steht, vielleicht fallen Ihnen ja selbst ein paar Verse aus Die Glocke ein, die Sie Ihren Begleitern vortragen möchten. Wir geben hier auch gerne eine kleine Starthilfe: Fest gemauert in der Erden Steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden. Frisch, Gesellen! seid zur Hand. Ohne Starthilfe kommen Sie hoffentlich nun mit Ihrem Reisebus wieder gut nach Hause, nachdem Sie die letzten am Glockenturm des Gohliser Schlösschens Verbliebenen eingesammelt und vom Aufbruch überzeugt haben. Aller Abschied ist schwer – vor allem vom schönen Leipzig, das sich heute von seiner prachtvollen Seite gezeigt hat!

Hinweise

Eine schöne Annäherung ist es, wenn Sie vom Kickerlingsberg her kommen.  So heißt die Straße, die nördlich am Leipziger Zoo entlangführt. Dort kann auch ein Reisebus am besten parken. Der Kickerlingsberg mündet auf den Poetenweg und Sie stehen unmittelbar vor dem kleinen Schlosspark des Gohliser Schlösschens. Diesen können Sie auch von hier aus betreten. Der Haupteingang befindet sich allerdings auf der Menckestraße. An dieser liegt auch das Schillerhaus.

Das Gohliser Schlösschen ist ganzjährig außer montags geöffnet, der Garten ist von 10 Uhr bis Sonnenuntergang frei zugänglich.

Gohliser Schlösschen | Musenhof am Rosental gGmbH
Menckestraße 23
04155 Leipzig
Tel.: 0341 58615846
E-Mail: mail@gohliserschloesschen.de 

Das Schillerhaus hat Mi-So von 11-16 Uhr geöffnet,

in den Frühlings- und Sommermonaten ab 01. April Di-So von 10-17uhr

Schillerhaus Leipzig
Menckestraße 42
04155 Leipzig 

Tel.: 0341 5662170
schillerhaus-leipzig@leipzig.de 

Lesenswert

Es gibt einen schönen kleinen Stadtführer speziell zu Gohlis. Leipziger Spaziergänge. Alt-Gohlis Lehmstedt Verlag, Leipzig, 2018

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