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Der Zwenkauer See – eine Fahrt mit der Santa Barbara über den größten See des Leipziger Neuseenlandes

5 Min. Lesezeit
Bild: Zwenkauer See Santa Barbara © Geisler Martin / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Die Santa Barbara schippert als Ausflugsboot über den Zwenkauer See. Das sollten Sie nicht verpassen!

Wir staunen über den größten See des Leipziger Neuseenlandes.
Wir laden ein zu einer Bootsfahrt und wir lernen vor Ort viel zur Geschichte des ehemaligen Tagebaurestloches und zu den weggebaggerten Orten.
Auf dem Grund des Sees gab es sogar ein Schloss!

Alle Mann an Bord, wir stechen in See! Oder besser gesagt, wir legen ab und fahren über den See. Und zwar über den 10 km2 großen und leicht nierenförmig geschwungenen Zwenkauer See. Er liegt 12 km südlich der Leipziger Innenstadt und ist flächenmäßig der größte des Leipziger Neuseenlandes. Der Aufruf einzuschiffen bezieht sich natürlich auf Frauen und Kinder gleichermaßen. Leichtmatrosen unter 4 Jahren dürfen sogar umsonst an Bord. Aber auch sonst ist eine Ausflugsfahrt mit 11€ (ermäßigt 9€ / bis 14 Jahre 7€) auf der Santa Barbara noch erschwinglich. Eine Stunde lang geht die Rundtour auf dem See. Etwa 25 Meter lang, 5 Meter breit und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel, bietet das Boot für bis zu 150 Personen Platz. Mit einer größeren Reisegruppe sollten Sie dennoch lieber im Vorfeld die kleine Reederei an der Mole 1 kontaktieren, damit es dann nicht plötzlich Leinen los! heißt, ohne dass Sie vollzählig an Bord sind.

Ein Panoramabild des Zwenkauer Sees
Bild: Zwenkauer See 001 © Wolkenkratzer / Wikipedia CC BY-SA 4.0
Blick über den Zwenkauer See und wie er sich heute in die Landschaft einpasst

Der Zwenkauer See – eine touristische Zukunft steht bevor

Santa Barbara ist die Schutzheilige der Bergleute und so verwundert es nicht, dass das Schiff ihren Namen trägt. Denn Sie schippern hier über ein riesiges geflutetes Tagebaurestloch, wenn Sie am Kap Zwenkau an Bord gehen. Seit 2008 werden hier bereits Seerundfahrten angeboten, der Hafen selbst wurde erst 2015 fertig gestellt. Bis 1999 wurde hier Braunkohle gefördert. Eine ganz andere Welt als jene, die sich nun mit dem Leipziger Neuseenland präsentiert. Ein Verbund aus dem Zusammenschluss vieler großer Tagebaurestlöcher. So entstand nach und nach der Tourismus, der Wassersport, das Strandbaden. Und es soll noch viel mehr kommen: ein Feriendorf mit schwimmenden Häusern, ein Sportpark, ein Campingplatz. Am Nordende des Zwenkauer Sees, dort wo die A38 in westlich-östlicher Richtung vom Freizeitpark Belantis zum Bergbau-Technik-Park führt, gibt es einen riesigen, noch nicht fertig gestellten Durchbruch zum nördlich gelegen Cospudener See. Die Fertigstellung des Harthkanals lässt noch auf sich warten, aber dann wird der Zwenkauer See auf Wasserwegen über Schleusen und Flüsse direkt mit dem Zentrum Leipzigs verbunden sein. Dann kann man von hier aus in den Leipziger Westen paddeln mit seinen sanierten und umgenutzten alten Industriedenkmälern wie den Leipziger Buntgarnwerken. Aber heute begnügen wir uns mit der Aussicht über den See.

Ein Gedenkstein am Hafen von Kap Zwenkau erinnert an den Umbruch vom Bergbau zur Tourismusregion.
Bild: Hafenstein-Zwenkau © Tnemtsoni / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Ein Gedenkstein am Hafen von Kap Zwenkau erinnert an den Umbruch vom Bergbau zur Tourismusregion. Es ist zu hoffen, dass dabei auch in Zukunft die Nachhaltigkeit und nicht bloß der Massentourismus im Vordergrund stehen

Vom Abbaggern und Umsiedeln

Bei der Bootsfahrt können wir auch dem Ort Eythra gedenken, der hier Mitte der 80er Jahre überbaggert wurde. Über 2000 Menschen wurden damals umgesiedelt in die Großwohnsiedlung Grünau. Damals ein Umzug in begehrte Neubauten. Aber ob das jeder Alteingesessene des Ortes, der immerhin schon im Jahr 979 urkundlich erwähnt wurde, so empfunden haben mag? Bis heute ist das damalige Ausweichquartier mit dem widersprüchlichen Charme behaftet, den Plattenbauten nun einmal ausstrahlen. Es gab im alten Eythra lange ein Schlösschen und eine steinerne Brücke an der Weißen Elster. Auch heute führt der Fluss wieder unmittelbar am westlichen Ende des neu entstandenen Zwenkauer Sees entlang.

Die alte steinerne Brücke von Eythra auf einer historischen Aufnahme.
Bild: Eythra Elsterbruecke-25-2-1911 © Unknown authorUnknown author / Wikipedia CC0 1.0
Die alte steinerne Brücke von Eythra auf einer historischen Aufnahme. Unwiderruflich weggebaggert für die Braunkohle

Woher kommt das Wasser im Zwenkauer See

Unter anderem mit dem Wasser der Elster wurde der Zwenkauer See geflutet. Der Pegel des Sees stieg täglich nur um ein bis zwei Zentimeter. Heute bringt er es auf eine maximale Tiefe von rund 50 Metern und ist im Mittel etwa halb so tief. Aber eine glückliche Fügung kam der Flutung 2013 zu Hilfe. Ein gerade fertig gestellter 600 Meter langer Einleitungsgraben für Wasser aus der Elster wurde beim Hochwasser 2013 gleich auf die Probe gestellt. Um gute 2 Meter 50 stieg der Pegel damals auf einen Schlag. Noch heute gibt es diesen Behelfskanal. Er soll bei weiteren Hochwassern zum Einsatz kommen. Der Zwenkauer See wird somit als Rückhaltebecken genutzt, um schlimmere Überflutungen in Leipzig zu verhindern.

Der hier gezeigte Einleitungsgraben führt bei Bedarf (Hochwasserschutz) Wasser aus der Weißen Elster direkt in den Zwenkauer See
Bild: Flutkanal © Andreas Hannusch / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Der Einleitungsgraben führt bei Bedarf (Hochwasserschutz) Wasser aus der Weißen Elster direkt in den Zwenkauer See

Ein langer Spaziergang am Südufer des Zwenkauer Sees

Damit sich das alles nicht bloß nach trockener Theorie anfühlt, bietet sich nach der Schiffsrundfahrt ein Spaziergang vom Hafen am Kap Zwenkau zum südwestlichen Zipfel des Sees an. Genau dort befindet sich der Einleitungsgraben. Es sind zwar fast 5 Kilometer für eine Strecke, aber da die 5 Kilometer Teil eines ausgebauten 22 km langen Fahrradrundweges sind, ist der Weg auch barrierefrei gut zu bewältigen. Schöner sind freilich kleine Schotterwege direkt am Wasser. Der Uferstreifen ist an vielen Stellen begehbar, auch einen Badeplatz kann man so im Sommer vielleicht entdecken. Und wem das zu weit sein sollte, auch für den haben wir einen Vorschlag.

Ein Foto des Zwenkauer Sees aus einer frühen Phase seiner aktiven Flutung
Bild: Tagebau Zwenkau © Andreas Hannusch / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Zum Vergleich mit der heutigen Ansicht des Zwenkauer Sees hier ein Foto aus einer frühen Phase seiner aktiven Flutung. Seine spätere Grundform ist dennoch schon gut zu erkennen

Die Lindenallee und die alte Ortschaft Eythra

Auf halber Strecke zwischen Kap Zwenkau und dem Flutungskanal kommen Sie an eine historisch sehr bedeutende Stelle am Zwenkauer See. Eine Lindenallee, teils schon wieder aufgeforstet, aber natürlich noch nicht wieder so schön wie im letzten oder vorvergangenen Jahrhundert, scheint hier direkt in den See zu führen. Und das ist ja auch so. Wie wir jetzt schon wissen, gehörte sie zum historisch alten, weggebaggerten und versunkenem Eythra.

Die Lindenallee am Zwenkauer See
Bild: Lindenallee Eythra © Geisler Martin / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Ganz so prachtvoll ist die heutige Lindenallee noch nicht wieder aufgeforstet, aber so langsam geht es in diese Richtung. Die Aufnahme stammt noch aus der Zeit, bevor die Ortschaft Eythra weggebaggert wurde. Am besten Sie machen sich vor Ort selbst ein aktuelles Bild!

Der Zwenkauer See – vom Versuch einer Erinnerungskultur

Ein an die Antike erinnerndes Relikt, eine nachgebaute künstliche Tempelruine aus dem 18. Jahrhundert wurde gerettet und am Originalstandort wieder errichtet. Auch vor 250 Jahren stand Sie am Ende der Lindenallee und gab sich damit einen Hauch von Sanssouci und Versailles. Wer noch mehr über Eythra erfahren möchte, findet hier auch eine ausführliche Infotafel zum Ort und seiner Geschichte. Der Torbogen, der als fast einziges Überbleibsel von Eythra noch existiert, nennt sich übrigens Trianon.

Das dreisäulige Trianon. Die Tempelruine wurde vor der Flutung abgebaut und schließlich neu errichtet.
Bild: Trianon Eythra © Geisler Martin / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Das Trianon. Die Tempelruine wurde damals abgebaut und nach den Jahrzehnten der Braunkohlegewinnung und der Flutung des Zwenkauer Sees am originalen Standort wieder errichtet

Rendezvous am Zwenkauer See – das neue Kap Zwenkau trifft auf den alten Ort Zwenkau

Auch die Wandtapeten des Schlösschens wurden gesichert und zieren heute einen Raum im Leipziger Grassimuseum. Aber das ist eine eigene Geschichte und Tour mit dem Reisebus wert. Ihr Bus wartet im Idealfall auf dem Parkplatz etwa 200 Meter westlich von Kap Zwenkau, also genau auf der Strecke, die Sie ohnehin grade gelaufen sind. Das alte Zwenkau ist übrigens ein sympathisches Örtchen und hat nochmal eine ganz andere Atmosphäre als die einzeln stehenden, weißen, neu gebauten und irgendwie alle gleich aussehenden Häuser rund um den Hafen am Kap. Wir verabschieden Sie heute gleich dreifach. Aus der Welt der Jahrhunderte alten Ortschaft Eythra, aus der Welt der Braunkohletagebaue und aus der Welt des Leipziger Neuseenlandes. 

Eine Zeichnung des alten Eythraer Schlösschens von Adam Friedrich Oeser
Bild: Schloss Eythra Oeser © Adam Friedrich Oeser creator QS:P170,Q215129 / Wikipedia CC0 1.0
Von Adam Friedrich Oeser (1717-1799) stammt die Zeichnung des alten Eythraer Schlösschens. Oeser war Leipzigs erster Direktor der Zeichen-, Malerei- und Architekturakademie

Hinweise

  • Ansprechpartner für die Bootsfahrten mit der Santa Barbara ist das Tourist-Kontor An der Mole 1 in 04442 Zwenkau. Erreichbar einfach über die Telefonnummer 034203/435718 – von Mai bis Oktober von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr; in den Wintermonaten eine Stunde kürzer
  • Die Bootstouren selbst Starten von April bis Oktober von Dienstag bis Sonntag jeweils um 11.00 Uhr, 12.30 Uhr, 14.00 Uhr und 15.30 Uhr / Kleine Verköstigungen gibt es an Bord (Eigene Speisen und Getränke dürfen nicht mitgebracht werden.)

Lesenswert

Es gibt im gesamten Leipziger Neuseenland ein großes Netz an Informationstafeln. Hier erfahren Sie viel Wissenswertes über die Geschichte der alten Ortschaften, über die ehemaligen Tagebaue und über die Flutungen und die weiteren touristischen Zukunftspläne.

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