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Berliner Friedhöfe – Orte der Zeit und der Stille in der Großstadt

4 Min. Lesezeit
Berlin hat viele interessante und besondere Friedhöfe zu bieten Foto: © Karin Frucht

Trauer ist der Widerstand gegen das Verschwinden. Heute ist für Trauer im Alltag oft kein Platz. Alle Berliner Friedhöfe können ein Ort der Erinnerung sein, des Gedenkens und der trotz allem lebendigen Geschichte.

Allerheiligen. In den Tagen Anfang November kann man spüren, dass der Herbst in eine andere Dimension eintritt. Die Zeitumstellung macht, dass es früher dunkel wird und die katholischen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen stehen am Anfang des Monats. Was bedeuten diese Feiertage? Zu Allerheiligen gehen die Familien und Angehörigen auf die Friedhöfe und schmücken die Gräber für Allerseelen. Es sind Tage des Totengedenkens. Zu Allerheiligen geht es nach katholischer Tradition um die Erinnerung an alle Heiligen. Zu Allerseelen um die  Erinnerung an die verstorbenen Verwandten, Freunde und Bekannten. Man geht gemeinsam auf die Friedhöfe, macht die Gräber schön, lässt die Gräber segnen. Zündet Kerzen an und bringt so Leben auf die Friedhöfe. Für Kinder werden die sogenannten Allerheiligen Striezel gebacken. Ein Hefegebäck mit Zucker bestreut, das die Paten an ihre Patenkinder verschenkten. Warum erzähle ich davon? Diese Traditionen sind in Berlin nicht besonders bekannt, denn wenn hier überhaupt eine Religion bekannt ist, dann ist es die Evangelische. Zudem werden solche Rituale auch in katholischen Gegenden jetzt seltener begangen, weil die Bindung an die Kirche allgemein nachlässt. Rituale können jedoch Halt und Orientierung geben, gerade in unruhigen Zeiten.

Die Statue einer trauernden Frau auf einem Berliner Friedhof
Ein Ort der Besinnung und der Stille in der Großstadt Berlin
Foto: © Karin Frucht

Berlin hat viele interessante und besondere Friedhöfe zu bieten. Hier kann man, wenn man mag, viel über Geschichte erfahren, Stille und Natur mitten in der Großstadt genießen. Friedhöfe sind öffentliche Orte, in denen es – jedenfalls für die Besucher – einmal nicht um Kauf und Verkauf geht. Und anders als in Parks und Grünanlagen haben Friedhöfe noch andere Dimensionen – persönliche, historische, spirituelle. Da die Formen der Bestattungskultur sich allerdings ändern, gibt es den Trend zur anonymen und zur Friedwaldbestattung, zur Seebestattung und weitere Möglichkeiten – der Phantasie sind auch hier allerdings rechtliche Grenzen gesetzt – so verändern sich die Friedhöfe. 

Der Dorotheenstädtische Friedhof – Himmlischer Treffpunkt der Künstler

Der berühmteste Friedhof in Berlin ist der Dorotheenstädtische Friedhof. Hier finden sich so bekannte Gräber wie von Bertolt Brecht, Helene Weigel, Hanns Eisler, Paul Dessau, Anna Seghers, Heiner Müller – aber auch Christa Wolf, Günter Gaus, Egon Bahr und Johannes Rau, George Tabori und Thomas Brasch, Otto Sander und Wolfgang Herrndorf, Hegel und Schinkel. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Hier sind Kunst und Politik vereint wie nirgends sonst in Berlin.

Wie sang der Dichter und Poet Wolf Biermann in seinem Lied „Der Hugenottenfriedhof“:

Wir gehn manchmal zwanzig Minuten
Die Mittagszeit nicht zu verliern
Zum Friedhof der Hugenotten
Gleich hier ums Eck spaziern… 

Biermann singt vom Hugenottenfriedhof, da der Französische direkt daneben liegt. Er ist sozusagen ein Teil desselben. Die Hugenotten waren Franzosen, die wegen ihres protestantischen Glaubens in Frankreich verfolgt wurden und in Preußen ab 1685 Aufnahme fanden. Auch auf diesem Friedhof liegen viele beliebte Schauspieler wie Eberhard Esche und Jenny Gröllmann, Rolf Herricht und Käthe Reichel. Alles, was in Kunst, Kultur und Politik Rang und Namen hat, ist hier versammelt. Nachts, wenn es dunkel ist, kann es interessante Gespräche geben.

Von freitags bis sonntags ab 12 Uhr kann man sich im Café Doro mit kalten und warmen Getränken, Suppen, Quiches und Kuchen stärken.

Der Alte St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg – im Hier und Heute angekommen

Ein kleiner japanischer Ahorn mit roten Blättern
Ein willkommener Farbtupfer auf einem Berliner Friedhof
Foto: © Karin Frucht

Ein anderer interessanter Friedhof in Berlin mit großer Vergangenheit und interessanter Gegenwart ist der Alte St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg. Hier sind bedeutende Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts begraben. So die Brüder Grimm und der berühmte Arzt Rudolf Virchow. Virchow entdeckte die Leukämie und gab dieser Krankheit auch den Namen. Er begründete die Zellpathologie, auf die sich Krankheiten beziehen und erntete Weltruhm mit jeder Veröffentlichung. Er sagte: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik nichts weiter als Medizin im Großen“. Er sorgte für Hygiene, Abwassersysteme, er initiierte Spielplätze und Parks in Berlin und setzte sich für eine medizinische Grundversorgung der Bevölkerung ein. Vor kurzem wurde Virchows 200. Geburtstag groß auf dem Friedhof im Beisein des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Michael Müller begangen.

Fünfzig Ehrengräber des Berliner Senats sind hier zu finden. So ist ein Gang über diesen Friedhof eine spannende Zeitreise durch die Berliner Kultur-, Geistes- und Wissenschaftsgeschichte. 

Es gelang aber auch, den Friedhof in die heutige Zeit zu bringen. In den 90er Jahren, als die Krankheit Aids wütete und viele Opfer forderte, etablierte sich hier der Verein „Denkmal positiv“. Historische Grabstellen, die unter Denkmalschutz stehen, konnten erhalten werden, da sie neu belegt wurden. Viele Menschen engagierten sich durch die Übernahme von Grabpatenschaften zum Erhalt der historischen Grabstätten.

In den letzten Jahren hat sich der Alte St.-Matthäus-Kirchhof zu einem wichtigen Ort der Begegnung in Schöneberg entwickelt. Im ehemaligen Verwalterhaus direkt am Eingang ist heute das Café Finovo zu finden. Hier kann man es sich bei superguten selbstgemachtem Kuchen – zum Beispiel  Quark-Mandarine-Baiser, genannt Tränchen – und sehr gutem Café gemütlich machen und über Leben und Tod sinnieren. 

Eine Tasse mit Espresso und ein Stück Kuchen auf einem Tisch
Auch ein Kontrast: das Café Finovo am Eingang des Alten St.-Matthäus-Kirchhofs
Foto: © Karin Frucht

 

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