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THEATER ULM – BEGEGNUNGEN UNTERM MÜNSTERTURM

3 Min. Lesezeit
Das Theater Ulm Foto © Kerstin Schomburg/Theater Ulm

Die alte Reichsstadt Ulm am linken Ufer der Donau ist seit langem Standort namhafter Handels- und Industrieunternehmen, zudem Sitz einer Universität. Stadtbild beherrschend und gleichzeitig die größte Sehenswürdigkeit von Ulm ist das Ulmer Münster. Natürlich gibt es hier auch ein Theater! Die Anreise mit dem Bus empfiehlt sich – auch, um das reiche Umland zu erkunden.

Ulm hat den höchsten Kirchturm der Welt. Das Ulmer Münster, Baubeginn war 1377, ist nach dem Kölner Dom die größte gotische Kirche Deutschlands.  Der Kirchturm  misst 161 Meter, wenn man ihn  besteigt, liegen einem die Dächer Ulms zu Füßen und der Blick schweift weit in die Ferne. Postmoderner Blickfang direkt am Münsterplatz ist das 1993 fertig gestellte Stadthaus des amerikanischen Architekten Richard Meier. Beide Gebäude nebeneinander bilden ein interessantes Spannungsfeld, einen klaren Kontrast. Im Stadthaus finden Konzerte, Ausstellungen und Lesungen statt. Ich habe hier einmal die Schriftstellerin Christa Wolf erlebt und anschließend hat sie mir ihren Roman „Kindheitsmuster“ signiert. In diesem kurzen Moment der Begegnung kamen wir miteinander in ein intensives Gespräch. So intensiv, dass sie mich einlud, anschließend mit in ein Lokal zu kommen. Zusammen mit ihrem Mann Gerhard Wolf und den Organisatoren des Abends waren wir im „Bäumle“, einer traditionsreichen Weinstube, die fußläufig in der Altstadt zu erreichen ist. Unter den Hunderten von Besuchern der Lesung, vielen Fans – war ich auserwählt worden, mitzukommen. Ich konnte nun mit der von mir so verehrten großen Schriftstellerin persönlich sprechen. Diesen Abend werde ich nie vergessen! Auch deshalb nicht, weil ich plötzlich schnell aufbrechen musste, um den letzten Zug zu erreichen. Mit dem Bus wäre mir das nicht passiert!

Das Theater Ulm von einer anderen Sehenswürdigkeit, dem Münsterturm des Ulmer Münsters aus gesehen
Bild: Ulm Theater vom Münsterturm 2010 08 03 © G8w / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Blick vom Münsterturm auf das Theater Ulm

Das Ulmer Theater. Das Theater Ulm

In Ulm, um Ulm und um Ulm herum. Diesen bekannten Zungenbrecher müssen zum Beispiel Schauspieler üben – Ulm hat auch ein Theater: Das Theater Ulm. Es nimmt für sich in Anspruch, das älteste städtische Theater Deutschlands zu sein. Seit 1641 sind hier Theateraufführungen dokumentiert. Die ältesten durchgängig bespielten Stadttheater zu sein, nehmen allerdings auch Konstanz, 1607, und Mannheim, 1778, für sich in Anspruch. Da sieht man mal die Konkurrenz untereinander! Die Häuser wollen und müssen sich von einander absetzen und profilieren. Heute ist Ulm ein Dreispartenhaus mit eigenen Ensembles für Oper, Schauspiel und Ballett. Im Theater finden 815 Zuschauer Platz, im Podium 120. Das Theater Ulm spielt Stücke der Moderne genauso wie klassische Werke, manchmal auch im Treppenhaus.

1969 wurde der Ulmer Architekt Fritz Schäfer mit einem Neubau beauftragt, nachdem das alte Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Das Stadttheater präsentiert sich heute als Sechseckraumgefüge. Ein für Schauspiel, Oper, Operette, Musical, Ballett, Konzerte und unterschiedliche, auch experimentelle Theaterformen besonders variables Haus. Alljährlich im Sommer finden Freilichtaufführungen auf der Wilhelmsburg, der größten erhaltenen Bundesfestung Deutschlands, statt. In diesem sehenswerten historischen Bauwerk gibt es in diesem Sommer das Musical „Dracula“ von Don Black und Christopher Hampton zu sehen. Ein Sommerspektakel!

Interessant ist auch die Geschichte im 20. Jahrhundert: Herbert von Karajan fand hier von 1929 bis 1934 als Erster Kapellmeister seine erste Anstellung an einem Theater. 

Unter dem Intendanten Kurt Hübner, 1959 bis 1962, wurde hier Theatergeschichte geschrieben. Viele damals junge und heute berühmte Schauspieler waren hier: Judy Winter und Hannelore Hoger zum Beispiel. Hübner engagierte den damals jungen und unbekannten Peter Zadek, der damals noch in England lebte, wohin er mit seinen Eltern als Kind 1933 emigriert war, als Regisseur. Das verhalf ihm zum Durchbruch. Seine Inszenierung von Brendan Behan „Die Geisel“ war ein Erfolg und machte ihn bekannt. Hübner ließ mehrere junge Regisseure und Bühnenbildner mit unterschiedlichen Handschriften am Haus arbeiten. Er schuf als Theaterleiter Freiraum für große Theatertalente. Das war damals neu, machte das Theater frisch und lebendig, schärfte das Profil. Auch für den damals in Westdeutschland sehr ungelittenen Bertolt Brecht – es gab tatsächlich in dieser Zeit nach dem Mauerbau einen sogenannten Brecht-Boykott – setzte Hübner sich ein. Er engagierte Peter Palitzsch als Regisseur für die Inszenierung des Stückes „Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431“.  Das war damals mutig und gegen die allgemeine Meinung. Bertolt Brecht wurde übrigens am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. Die Stadt liegt 70 Kilometer von Ulm entfernt – mit dem Bus lohnt also auf jeden Fall ein Abstecher in eine der ältesten Städte Deutschlands. In einer Stunde ist man da.

Zurück nach Ulm. Ich treffe meine Freundin Isi. Wir haben mal in einem Kulturzentrum in Stuttgart zusammen gearbeitet. Sie war die stellvertretende Leiterin und ich arbeitete im Pressebüro. Wir gehen zusammen zum Ulmer Zuckerbäcker in der Herrenkellergasse. Hier sitzt man schön, es gibt die besten Brezeln und das berühmte Ulmer Zuckerbrot!

Link

www.theater-ulm.de

Hinweis

Tipp: Bäckerei Zaiser – Ulmer Zuckerbäcker, Herrenkellergasse 17, 89073 Ulm

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