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GLAUBT MIR KEIN WORT – Das Berliner Kabarett DIE DISTEL

3 Min. Lesezeit
Bild: Berlin, Mitte, Friedrichstrasse, Admiralspalast 02 © Jörg Zägel / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Ein Blick auf den Admiralspalast in Berlin- und die DISTEL, das größte Ensemble-Kabarett Deutschlands

Am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße – dem ehemaligen Grenz- und Schnittpunkt der unüberwindbar scheinenden Systeme Ost und West – Berliner Mauer genannt befindet sich im Vorderhaus des Admiralspalastes das Kabarett Die DISTEL. „Wer jetzt den Humor verliert, hat den Ernst der Lage noch nicht verstanden.“ 

Die DISTEL – was kann man über eins der bekanntesten wiedervereintesten Kabaretts Deutschlands sagen? Was sagt sie über sich selbst? 

„Die DISTEL ist das größte Ensemble-Kabarett Deutschlands. Längst legendär gilt das Kabarett heute deutschlandweit als erste Adresse für politische Satire. Die Nähe zum Reichstag und zum Kanzleramt begreift die DISTEL als Anreiz, der scharfe „Stachel am Regierungssitz zu sein“.

Mit diesem Anspruch startete man bereits 1953. Das erste Programm wurde „Hurra, Humor ist eingeplant!“ genannt. Der Ostberliner Magistrat hatte die DISTEL mit dem Hintergedanken ins Leben gerufen, einen Gegenpol zu den älteren, sehr bekannten West-Berliner Kabaretts zu bilden und Satire als „Waffe im Ost-West-Klassenkampf“ einsetzen. Der Plan ging nur bedingt auf, denn die DISTEL richtete ihr Augenmerk genauso klar auf die aktuellen Missstände in der DDR. Auch wenn die Spitzen geschickt versteckt wurden, erkannten die Oberen die Gefahr und versuchten auch, die DISTEL zu schließen. Inzwischen war diese so beliebt und so clever geworden, dass sie stets ihren Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. So waren Eintrittskarten für die DISTEL mitunter fast eine eigene Währung. Wer Zugriff auf sie hatte, konnte damit bei Handwerkern, Verwaltungsangestellten und anderen „Mangelwaren“, wie dem allseits knappen Material, schneller zum Ziel kommen.

Berlin-Friedrichstrasse, 1982
Bild: Berlin-Friedrichstraße 1982 Berliner Zeitung © Gerd Danigel , gerddanigel.de. / Wikipedia CC BY-SA 4.0
Berlin-Friedrichstrasse, 1982

Auch nach Ende der DDR blieb die DISTEL ihrer Linie treu. Schon vorher war sie frech und bissig und immer ausverkauft gewesen, jetzt machte sie in diesem Sinne weiter. “Zwischen Tränen und Gelächter“(1989), „Mit dem Kopf durch die Wende“ (1990), „Über – Lebenszeit“ (1990), „Uns gabs nur einmal“ (1990), „Wir sind das Letzte“ (1991), „Berlin, Berliner am Berlinsten“ (1991) waren, um nur einige zu nennen, Titel der Programme. Seit 1991 ist die DISTEL nun ein privates Theater. Kompromisslos kann sie nun alle Fragwürdigkeiten frei legen. Was zweifellos zu neuen Fragwürdigkeiten und Kompromissen führt.

Der Erfolg der DISTEL geht weiter: über 100 000 Zuschauer besuchen sie in Berlin oder auf den Tourneen.

Das Stammhaus hat 420 Plätze.

Ihren Platz hat sie direkt im Herzen Berlins, am Bahnhof Friedrichstraße, in fußläufiger Entfernung zu wichtigen hauptstädtischen Theatern und Lokalen.   

Der prominenteste, scharfsinnigste und geistreichste Protagonist dieses Theaters war Peter Ensikat, Schriftsteller, Schauspieler und Kabarettist, der von 1974 bis Mitte der achtziger Jahre als Autor an der DISTEL arbeitete und von 1999 bis 2004 die künstlerische Leitung hatte. „Die DDR war überhaupt nicht lustig, aber sie war komisch“, spottete er einmal. Er forderte einen selbstbewussten und reflektierten Umgang der Ostdeutschen mit ihrer Vergangenheit. „Wir waren nicht nur die unterdrückten, notleidenden Opfer, die in Geiselhaft gehalten wurden“, schrieb er in einem seiner vielen Bücher „Das Schönste am Gedächtnis sind die Lücken“ (Blessing, 2005). Er schloss sich ausdrücklich in den „Prozess der schleichenden Entmündigung“ mit ein: Seine Kollegen und er hätten in einer „Sklavensprache geschrieben, unsere windelweichen Halbwahrheiten durch die Blume der Zensur geflüstert.“ Der Titel von Peter Ensikats sehr lesenswerter Autobiografie lautete dann auch: „Meine ganzen Halbwahrheiten“ (Dumont, 2010).

So könnte auch ein Stück der DISTEL heißen, und es wundert nicht, dass Ensikats Texte besonders in den Wendejahren das Programm bestimmt haben; mehr noch: Ost und West lachten sich hier zusammen. Sie machten ihn zu einem der ersten gesamtdeutschen Autoren, einen beharrlichen Geschichtsschreiber dieser Zeit.

Die Titel einiger seiner Bücher lauten weiter: „Ab jetzt geb ich nichts mehr zu“ (Kindler, 1993), „Uns gabs nur einmal!“ (Eulenspiegel Verlag, 1993), „Hat es die DDR überhaupt gegeben?“ (Eulenspiegel Verlag, 1998), „Was ich noch vergessen wollte“ (Blessing, 2000). Zusammen  mit dem legendären Politiker und Journalisten Egon Bahr veröffentlichte er „Gedächtnislücken. Zwei Deutsche erinnern sich“ (Aufbau Verlag 2012). Mit Dieter Hildebrandt, seinem berühmten süddeutschen Kabarettkollegen „Was haben wir gelacht. Ansichten zweier Clowns“ (Aufbau Verlag 2013).

Der Tod Peter Ensikats am 18. März 2013 war für uns alle ein schwerer Verlust. Niemand konnte wie er über die Widersprüche und das Verbindende zwischen Ost und West schreiben. Seine Texte klingen auch heute noch so, als hätte er sie gerade gestern geschrieben.

Direkt neben der DISTEL an der Spree befindet sich in der ehemaligen Abfertigungshalle der Grenzübergangsstelle der „Tränenpalast“, wo einst Westberliner in den Osten und zurück gingen. Umgekehrt war es seltener. Der Pavillon steht exemplarisch für die Teilung Deutschlands mit all ihren Tragödien und Geschichten.  Heute ist ein historisches Museum von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in dem denkmalgeschützten Gebäude und die Dauerausstellung „Tränenpalast. Ort der deutschen Teilung“ mit vielen Originaldokumenten, Filmen und Zeitzeugeninterviews zu entdecken. Der Eintritt ist frei und sehr empfehlenswert!

Zur Entspannung und vor und nach dem Theater findet man am Schiffbauerdamm zahlreiche Restaurants und Kneipen, wie zum Beispiel das traditionsreiche „Ganymed“ und die „Ständige Vertretung“. Es kann ein langer Abend werden.

Link

www.distel-berlin.de

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