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Technische Sammlungen Dresden – ein Museum in der sächsischen Hauptstadt begeistert für Wissenschaft und Technik

5 Min. Lesezeit
Bild: Schandauer Straße 2011-09 002 © Don-kun, Kolossos / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Das Gebäude der Technischen Sammlungen Dresden. Der Industriebau vom Ende des 19. Jahrhunderts hat maßgeblich zur Entwicklung von hochwertigen Fotokameras beigetragen. Heute ist es Denkmal der Industriekultur

Kennen Sie die Firmennamen Pentacon, Zeiss und Robotron?
Auf den ersten Blick sind Kameratechnologie und die Geschichte der Datenverarbeitung zu Beginn des Computerzeitalters sehr unterschiedliche Dinge. Die Zusammenhänge werden einem in den Technischen Sammlungen Dresden sehr anschaulich nahegebracht.
Wir begegnen dem Philosophen Leibniz und dem deutschen Computerpionier Konrad Zuse. Wir lösen kniffelige mathematische Rätsel und lernen den Unterschied zwischen Teilchen und Welle. 

Der indische Doktorand der Technischen Universität Dresden nimmt einem die VR-Brille wieder ab, während wir uns noch etwas wackelig auf den Beinen versuchen, im Raum neu zu orientieren. VR steht für virtuelle Realität, also für simulierte 3-dimensionale optische Welten. In die können wir eintauchen, wenn wir uns eine solch futuristische Brille aufsetzen. Gamer, also erfahrene Computerspieler, kennen diese Geräte sicherlich bereits aus eigener Erfahrung. Aber wenn man zum ersten Mal so eine Brille trägt und die Erfahrung macht, wie ein Condor über den Grand Canyon zu fliegen oder Sekunden später durch die Straßen von London zu laufen, dann ist man schon ziemlich überwältigt.

Ein Mann mit einer virtuellen Brille, der sich digitale Wolkenkratzer ansieht.
Bild: 10’000 moving cities V3, net-and-telepresence-based installation, 2015 © Marc Lee / Wikipedia CC BY-SA 4.0
In den Technischen Sammlungen Dresden gibt es manchmal die Gelegenheit, sich einen Einblick in virtuelle Welten zu verschaffen. Am besten ist es, Sie erkundigen sich vor Ihrer geplanten Busreise bei der hilfsbereiten telefonischen Info-Hotline des Museums

Die Technischen Sammlungen Dresden im Industriedenkmal

Doch der Reihe nach. Wo befinden wir uns? Um uns herum stehen Vitrinen, Gerätschaften, Computer und roboterähnliche Apparaturen. Wir sind in einem mittleren Stockwerk der Technischen Sammlungen Dresden. Diese befindet sich in den ehemaligen Büros und Fertigungshallen des Ernemannbaus. Im erhaltenen Industriekomplex aus dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde bis zur Abwicklung durch die Treuhand im Jahr 1990 über Jahrzehnte hinweg Kamerageschichte geschrieben. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hatten sich hier mehrere deutsche Firmen zu einer führenden optischen Industrie vereinigt. Beispielsweise Zeiss Ikon, die Kinoprojektoren und Schmalfilmkameras herstellten. In den 60er Jahren in der DDR hieß der Standort hier im Dresdener Stadtteil Striesen VEB Pentacon. Seitdem wurde aus Design- und Werbegründen die Ansicht des Ernemann-Turms zum stilisierten Logo.

Eine Spiegelreflexkamera der Firma Pentacon aus den 70er Jahren.
Bild: Pentacon six TL camera © Peter.shaman at Polish Wikipedia / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Spiegelreflexkamera der Firma Pentacon aus den 70er Jahren. Schön zu erkennen ist die Silhouette des Ernemann-Turms auf der Kamera selbst und auf dem dazugehörigen Prospekt

Die Technischen Sammlungen Dresden zeigen: die Entwicklung des Smartphones beginnt im 17. Jahrhundert

Wir verbleiben aber noch eine Weile in der Etage, in der wir mit den simulierten Erlebniswelten in Kontakt gekommen sind. Zu verdanken sind solche Interaktionen zwischen Wissenschaft und Besuchern unter anderem der Technischen Universität Dresden, die ein wichtiger Kooperationspartner der Technischen Sammlung Dresden ist. Da wir uns allerdings in einem Museum befinden, oder besser gesagt, an einem Ort der Auseinandersetzung mit Technikgeschichte, gibt es hier noch viel mehr zu erfahren. Wir springen zurück ins 17. Jahrhundert, in welchem tatsächlich die Entwicklung begann, die zur heutigen Welt mit Laptops, Smartphones, Drohnen und modernster Signal- und Systemtechnik geführt hat. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war nicht etwa Erfinder des gleichnamigen Kekses, sondern ein wahres Universalgenie. Er war Philosoph, Mathematiker und Tüftler. Und so verwundert es nicht, dass er sich an mechanischen Instrumenten versuchte, die rechnen konnten. Er erkannte bereits, dass das binäre Zahlensystem, also die Abfolge von Nullen und Einsen, deutlich vielversprechender für die Entwicklung von Rechenmaschinen war als das uns im Alltag vertraute Dezimalsystem. 

Der Nachbau einer Rechenmaschine von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) in den Technischen Sammlungen Dresden
Bild: Leibnitzrechenmaschine © User:Kolossos / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Nachbau einer Rechenmaschine von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) in den Technischen Sammlungen Dresden

Der Deutsche Konrad Zuse gilt als Erfinder des Computers

Trotzdem sollten bis zur konsequenten Umsetzung der von Leibniz entwickelten Prinzipien noch über 300 Jahre vergehen, bis schließlich Konrad Ernst Otto Zuse (1910-1995) im Jahr 1941 mit seinem Z3 den ersten wirklichen Computer entwickelte. Auch ein Zuse-Rechner ist natürlich in Dresden zu bestaunen. Die Ausmaße der Apparaturen sind verglichen mit heutigen Maßstäben allerdings durchaus als monströs zu bezeichnen. Rechenmaschinen und Computer prägen die Technischen Sammlungen Dresden ebenso wie Schreibmaschinen. Klingende und bekannte Namen wie Remington, Erika (aus Dresden!) oder Olympia begegnen uns hier.

Ein schwarz-weiß Foto, in dem zwei Männer vor einem Computer sitzen und ein Programm studieren
Bild: Bundesarchiv Bild 183-W0104-014, VEB Robotron Elektronik Dresden, Computer EC 1055 © Bundesarchiv, Bild 183-W0104-014 / CC-BY-SA 3.0 / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Auch Robotron (Kunstwort aus Roboter und Elektronik) mischte als größter Computerhersteller der DDR mächtig mit bei den Innovationen moderner Datenverarbeitungsgeräte. Sehr bekannt war der Robotron 300, der in den 60er Jahren in der damaligen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) entwickelt wurde

Matherätsel und Erlebniswelten in den Technischen Sammlungen Dresden

Manchmal kommt die Ausstellung in ihrer Präsentation und Namensgebung etwas steifer daher, als sie es nötig hätte. Anders ist der inhaltlich korrekte, aber doch trockene Titel der Dauerausstellung Büro- und Rechentechnik. Von rechnenden Rädern zum ersten PC  nicht zu erklären. Immerhin geht es in dem, was wir bisher besichtigt haben, um eine der größten Menschheitsrevolutionen überhaupt; um den Wechsel von der Zeit der Industrialisierung ins digitale Zeitalter. Erfreulicherweise gibt es noch andere Bereiche im Museum, die bunter, interaktiver und aufregender gestaltet sind. Beispielsweise das Erlebnisland Mathematik, in welchem es allerhand zum Knobeln gibt. Das ist oft anschaulich und guter Mathematikunterricht ohne erhobenen Zeigefinger. Hier verstehen Groß und Klein, dass Zahlenreihen, geometrische Formen und Paradoxe unheimlich faszinierend sein können. Noch eins oben drauf setzt der Bereich Wellenreiter, ein interaktives Experimentierfeld in der Welt der Teilchen. Es gibt optische und akustische Experimente zum selbst ausprobieren, welche die anspruchsvollen Phänomene und Zusammenhänge begreifbar und erfahrbar machen. Manch einer denkt da vielleicht an seinen spröden Mathematik- und Physikunterricht zurück und hätte sich damals eine fortschrittlichere und aufregendere Vermittlung gewünscht. Im Osten der Republik gab es immerhin den vielfach praktischeren polytechnischen Unterricht.

Ein schwarz-weiß Foto aus dem Jahr 1989, in dem ein Mädchen im polytechnischen Unterricht der DDR zeigt
Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0605-015, Karl-Marx-Stadt, polytechnischer Unterricht © Bundesarchiv, Bild 183-1989-0605-015 / CC-BY-SA 3.0 / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Unterricht an einer Polytechnischen Oberschule 1989 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Die Mädchen, die damals schon so begeisterungsfähig für die konsequente Verknüpfung von Theorie und Praxis waren, haben sicherlich zur Emanzipation in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) beigetragen

Die Technischen Sammlungen Dresden und sein Turmcafé mit wunderbarer Aussicht

Wenn Sie mit Ihrer Busreisegruppe beim Museum anrufen oder eine E-Mail schreiben, können Sie für bis zu 25 Personen einen Platz im öffentlich zugänglichen Turmcafé reservieren. Ganz oben im Ernemannturm werden Kaffee, Kuchen und kleine Speisen angeboten. Es ist wie alle darunter liegenden Ausstellungsetagen barrierefrei zugänglich. Aber das Beste hier oben ist der Rundumblick von der begehbaren Veranda über die sächsische Landeshauptstadt. Nach Westen blicken Sie in Richtung Großer Garten und auf die noch etwas ferne Altstadt. Nach Osten schauen Sie über die Elbe hinweg auf den Elbhang, der dort hoch über der Stadt vom Lingner Schloss und dem Schloss Albrechtsberg elbaufwärts zum herrschaftlichen Wasserpalais Schloss Pillnitz führt. Auch diese Perle des Dresdener Barock ist einen Ausflug wert!

Versöhnliche Aussicht nach so vDer Blick vom Ernemannturm der Technischen Sammlungen auf die benachbarte Versöhnungskirche. Der Kirchenbau vom Anfang des 20. Jahrhunderts greift romanische und gotische Architektur gleichermaßen auf
Bild: Versöhnungskirche dresden – d © Lysippos / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Versöhnliche Aussicht nach so viel Theorie und Technik. Blick vom Ernemannturm der Technischen Sammlungen auf die benachbarte Versöhnungskirche. Der Kirchenbau vom Anfang des 20. Jahrhunderts greift romanische und gotische Architektur gleichermaßen auf

Hinweise

  • Technische Sammlungen Dresden
    Museum für Wissenschaft und Technik
    Junghansstraße 1 – 3 (Eingang Schandauer Straße)
    01277 Dresden
    Telefon: 0351-4887272
    service@museen-dresden.de
  • Geöffnet haben die Technischen Sammlungen Dresden Di-Fr von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr und am Wochenende und an Feiertagen von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr / Der Eintritt beträgt 4-5€, bei Gruppen ab 10 Personen gibt es einen weiteren Nachlass von 50 Cent. Außerdem gibt es an Freitagen ab 12.00 Uhr freien Eintritt
  • Geheimtipp: Das Turmcafé kann auch ohne Museumseintritt besucht werden, wenn Sie beispielsweise nach einer Erkundungstour durch den Dresdener Stadtteil Striesen im Anschluss einkehren möchten
  • Das Parken für den Reisebus ist in Umgebung der Technischen Sammlungen Dresden gut möglich 

Lesenswert und Sehenswert

  • Im Rowohlt Verlag ist das Buch von Friedrich Christian Delius Die Frau, für die ich den Computer erfand erschienen. Er hat es schon 2009 geschrieben und es verpackt ganz wunderbar leichtfüßig die Lebensgeschichte von Konrad Zuse, dem Erfinder des weltweit ersten Computers
  • Auch die Geschichte der DEFA Filme wird in den Technischen Sammlungen Dresden erzählt; wir empfehlen mal wieder alte DEFA Klassiker anzuschauen; in zahlreichen Mediatheken gibt es immer mal wieder die Gelegenheit dazu
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