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Ein Besuch im Kraszewski-Museum. Ein Ort deutsch-polnischer Verständigung in Dresden

4 Min. Lesezeit
Bild: Dresden-Kraszewski1 © User:Kolossos / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Die Dresdener Villa beherbergt seit langer Zeit ein Museum zur Würdigung des Schriftstellers Józef Ignacy Kraszewski (1812-1887). Auch die Deutsch-Polnische Gesellschaft Sachsen e. V. und die Vereinigung Polonia-Dresden e. V. sind Nutzer des Hauses

Wem haben wir es zu verdanken, was wir über die Liebschaften August des Starken und seiner Mätresse Gräfin Cosel wissen?
Wie stark ist der Zusammenhalt zwischen Deutschen und Polen?
Antworten auf so verschiedene Fragen finden Sie, wenn Sie mit uns eine Dresdner Villa besuchen. Die ist Museum, Vereinsort, Café und überhaupt ein ganz bezauberndes Ausflugsziel!

Zwischen Radeberger Vorstadt und der Dresdener Neustadt, direkt an der schmalen Prießnitz gelegen, findet sich ein außergewöhnlicher Ort. Eine schmucke Dresdener Villa, die 1855 im Schweizer Landhausstil erbaut wurde, beherbergt ein kleines Museum, welches den Autor der Sachsen-Trilogie würdigt. Dieses Werk wurde im letzten Viertel des ausgehenden 19. Jahrhunderts von dem polnischen Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski (1812-1887) verfasst. Der in Warschau geborene Kraszewski musste seine Heimat verlassen, die bereits seit der dritten polnischen Teilung von 1795 mehr oder weniger von russischen Zaren regiert wurde. Er landete 1873 in Dresden und arbeitete hier fleißig als sächsischer Exilschriftsteller.

Eine schwarz-weiß Fotografie von Józef Ignacy Kraszewski aus dem Jahr 1880.
Bild: Józef Ignacy Kraszewski © Anonymous photography / Wikipedia CC0 1.0
Genau so stellt man sich einen Schriftsteller des vorvergangenen Jahrhunderts vor. Fotografie von Józef Ignacy Kraszewski aus dem Jahr 1880

Historiendramen und Sachsen-Trilogie

Der Autor, der sich auch schon in anderen Romanen und Erzählungen (fast 250 hat er im Laufe seines Lebens geschrieben!) ausführlich mit August dem Starken (1670-1733) befasst hat, widmet den ersten Teil seiner Sachsen-Trilogie der Gräfin Cosel. Also der berühmt gewordenen langjährigen Mätresse des sächsisch-polnischen Königs, die später in Ungnade fiel. Sie wurde zunächst nach Schloss Pillnitz verbannt, einer elbaufwärts gelegenen prächtigen Park- und Schlossanlage aus der Zeit des Dresdener Barock. Danach verbrachte sie nach Flucht und Wiederauslieferung viele Jahrzehnte als vom Königshof Verstoßene auf der Festung Stolpen. Bis zu ihrem Tod fesselte ihre Lebensgeschichte. Und auch auf ihre Nachwelt übt die gefallene Beinahe-Königin eine große Faszination aus. Kraszewski ist ein Großteil ihres Nachruhms zu verdanken. Gräfin Cosel, Graf Brühl (nach welchem die berühmten Brühlsche Terrasse benannt wurde) und Aus dem Siebenjährigem Krieg lauten die Titel seiner Sachsen-Trilogie, die in den 80er Jahren in der DDR unter dem Titel Sachsens Glanz und Preußens Gloria aufwändig und mehrteilig verfilmt wurde.

Ein Gemälde der Gräfin Anna Constantia, der Mätresse von August den Starken
Bild: Anna Cosel © Unidentified painter label QS:Les,“Pintor no identificado“ label QS:Lde,“Unbekannter Maler“ label QS:Len,“Unidentified painter“ label QS:Lit,“Pittore non identificato“ label QS:Lfr,“Peintre non identifié“ / Wikipedia CC0 1.0
Porträt der Gräfin Anna Constantia (1680-1775). Zu dieser Zeit war sie noch nicht in Ungnade bei August dem Starken gefallen, sondern war seine auserwählte und favorisierte Mätresse

Das Kraszewski-Museum als Ort deutsch-polnischer Begegnung

Józef Ignacy Kraszewski stammte aus einer nicht sehr wohlhabenden polnischen Adelsfamilie. Nach einem Studium der Medizin und Philosophie wendete er sich der Politik zu. Als Anhänger des Novemberaufstandes von 1830, bei dem sich Polen vom russischen Zarenreich unabhängig machen wollte (die dritte Polnische Teilung lag 35 Jahre zurück), geriet er zunehmend unter Druck. So landete er schließlich 1863 für zwei Jahrzehnte im sächsischen Exil in Dresden. Zu dieser Zeit erstand er auch die Villa, die nun das Museum beherbergt, welches seinem Lebenswerk gewidmet ist. Schautafeln und Fotografien von Stadtbildern deutsch-polnischer Verständigung (Görlitz auf deutscher, Zgorzelec auf polnischer Seite) prägen die Ausstellungsräume. Porträts August des Starken und der Gräfin Cosel dürfen ebenso wenig fehlen, wie Kraszewskis Arbeitsschreibtisch und über 50 weitere Exponate und Schriftstücke. Eine kleine Bibliothek beherbergt das Haus ebenfalls. Das Kraszewski-Museum ist ein sehr lebendiger Ort des Austauschs zwischen polnischer und deutscher Kultur. Hier finden Kammerkonzerte statt. Es gibt einen Flügel und im Sommer wird auch mal draußen im kleinen charmanten Gärtchen musiziert. Diskussionsveranstaltungen der im Haus ansässigen Deutsch-Polnischen Gesellschaft Sachsen e. V. und der Vereinigung Polonia-Dresden e. V. wechseln mit Buchpräsentationen und Vorträgen. Kraszewski selbst lebte von 1873 bis 1879 in der Villa.

Eine Gedenktafel am Kraszewski-Museum erinnert an die Verdienste von Józef Ignacy Kraszewski.
Bild: Bundesarchiv Bild 183-78143-0004, Dresden, Kraszewski – Gedenktafel © Bundesarchiv, Bild 183-78143-0004 / CC-BY-SA 3.0 / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Eine Gedenktafel am Museum erinnert an die Verdienste von Józef Ignacy Kraszewski. Das Museum war das erste bewusst binational ausgerichtete Museum in Deutschland, als es 1960 eröffnet wurde. Politischer und kultureller Austausch als Voraussetzung für eine gemeinsame Zukunft in einem geeinten Europa

Das Kraszewski-Museum bietet barrierefreie Führungen und polnischen Likör

Empfehlen wollen wir unbedingt noch das Museumscafé. Es ist in der ersten Etage eingerichtet und neben Kuchen und Kaffee wird hier traditioneller Obstlikör aus Polen angeboten. Den sollten Sie probieren! Schließlich können Sie es sich danach wieder ganz bequem im Reisebus machen. Dieser wird allerdings am Rande der Dresdener Neustadt unter Umständen Parkprobleme haben. Und so ist es sicher ratsam, sich vom Reisebus nach dem Besuch des Kraszewski-Museums direkt vor der Tür wieder einsammeln zu lassen. Wenn Sie im Vorfeld eine der etwa einstündigen Führungen gebucht haben, lässt sich der Zeitpunkt des Aufbruchs gut planen. Die Führungen mit unterschiedlichem thematischen Schwerpunkt heißen Der Sachsentrilogie-Autor Józef Ignacy Kraszewski, Kraszewskis Dresdner Jahre – Sächsische Gastfreundschaft damals und heute oder auch Die Spionagegeschichte Kraszewski contra Bismarck. Was es damit auf sich hat, sei hier nicht verraten. Aber wem es sehr auf den Nägeln brennt, das Geheimnis zu lüften, der kann sich einfach telefonisch an das Museum wenden und erhält dort allerhand hilfreiche Auskünfte. Unbedingt ein Vorteil eines so kleinen und persönlichen Museums. Das Kraszewski-Museum hat übrigens Mittwoch bis Sonntag von 12.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet und ist mit 4€ Eintritt (ermäßigt 3€) sehr erschwinglich. Außerdem ist an Freitagen, außer wenn diese auf einen Feiertag fallen, der Eintritt frei. Das Museum ist barrierefrei zugänglich. Ein Wermutstropfen bleibt allerdings. Im Jahr 2011 wurden etwa 150 Exponate an den polnischen Staat zurückgegeben. Es waren zwar alles bewusste und freiwillige Leihgaben gewesen, aber aufgrund polnischer Gesetzgebung wurde verfügt, dass Objekte von nationaler Bedeutung nicht länger als fünf Jahre im Ausland gezeigt werden dürfen. Und auch wenn es seit nunmehr fast 10 Jahren eine deutlich abgespeckte Ausstellung zeigt (2013 wurde die neue Dauerausstellung erstmalig präsentiert), so ist es doch unglaublich wertvoll, sich diesem Autor einmal anzunähern, der 20 Jahre im Exil und ein Großteil dieser Zeit in der Metropole an der Elbe verbracht hat. Im Sinne der deutsch-polnischen Verständigung hat er sich, und vor allem haben sich diejenigen, die sein Erbe verwalten, verdient gemacht. Danke schön – Dziękuję !

Hinweise

  • Kraszewski-Museum
    Nordstraße 28
    01099 Dresden
  • Telefonischer Kontakt für Führungen und Fragen: 0351-8044450

Lesenswert und Sehenswert

  • Reichhaltiger und informativer, fast 100-seitiger Museumsführer zum Lebensweg des Schriftstellers, Malers und Historikers Józef Ignacy Kraszewski
  • Sachsens Glanz und Preußens Gloria ist ein sechsteiliger DDR-Fernsehfilm aus den Jahren 1985 bis 1987. Sehenswerte Verfilmung der Sachsen-Trilogie von Józef Ignacy Kraszewski.
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