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DAT SÖTE LÄNEKENS – DAS SÜSSE LÄNDCHEN

3 Min. Lesezeit
Das 'Karusel' der Asta Nielsen auf Hiddensee Foto: © Karin Frucht

Knapp 17 Kilometer trennen Nord- und Südspitze der Insel Hiddensee. Die Hiddenseer nennen ihre Insel liebevoll sötes Läneken, weil sie nicht nur autofrei, sondern einfach anders ist. Daher heute eine Fortsetzung.

Nicht nur Gerhart Hauptmann war hier! Auch ich! – Nein, im Ernst: Thomas Mann und seine Familie waren ebenfalls im Juli 1924 auf der Insel. So steht es im Gästebuch einer Hiddenseer Pension, das kürzlich über Umwege wieder aufgetaucht ist. Gerhart Hauptmann logierte gleichzeitig in dieser Pension, da er sich erst 1930 das „Haus Seedorn“ in Kloster kaufte und es ausbauen und erweitern ließ. Bereits 1885 war er erstmals hier. Man kann die Umstände damals nur erahnen. Nicht nur kein fließendes Wasser  und komplett anderes Essen – es muss völlig anders gewesen sein als auf dem Festland. Hiddensee blieb einfach ein Geheimtipp. Wenn man sich vorstellt, wieviel hektischer unser Leben heute geworden ist – und die Künstler damals schon die Abgeschiedenheit einer Insel suchten – kann ich so eine Reise heute erst recht empfehlen. Mit dem Bus kommt man in versteckte Ecken. Nicht nur nach Schaprode auf Rügen, wo eine Fähre nach Hiddensee losfährt. 

Vier alte Häuser auf einem Marktplatz, dahinter ist einegroße Kirche
Schon der Alte Markt in Stralsund auf dem Weg nach Hiddensee ist eine Reise wert
Foto: © Karin Frucht

Asta Nielsen und ihr Karusel

Gottfried Benn und Carl Zuckmayer gingen hier spazieren und Hans Fallada schrieb seinen Roman „Kleiner Mann, was nun?“ auf Hiddensee fertig. Ende der Zwanziger Jahre kaufte sich die bekannte Stummfilm-Schauspielerin Asta Nielsen hier ein Sommerhäuschen und lud Leute, Freunde, Bekannte und Kollegen aus Berlin ein.

Eine weisse Tür zu einem kleine runden Haus. Über der Tür steht Karusel.
Über der Tür ist der Name deutlich zu erkennen
Foto: © Karin Frucht

Das runde Häuschen mit dem Strohdach erhielt den Namen „Karusel“ und ist heute, auch unter dem Namen Asta-Nielsen-Haus, ein Anziehungspunkt. Das blau-weiße Haus war das erste von insgesamt vier auf Hiddensee erbauten Häusern des Architekten und Malers Max Taut. Er war ein Bruder des noch bekannteren Architekten Bruno Taut. Der Grundriss ist hier zwar quadratisch, zwei Ecken sind abgerundet und farblich umrunden drei auf den weißen Putz gemalte Bänder in Himmelblau das Haus. So entsteht bereits beim Anblick ein einmalig beschwingter Eindruck und daher nannte es Asta Nielsen in ihrer dänischen Muttersprache „Karusel“ oder auch „Carousel“. Im Inneren finden sich wiederum die Farben des Meeres in Blautönen, das leuchtende Orange des Sanddorns, gelb-braun von Schilf und Sand und das Altrosa der Dünenrose. Asta Nielsen, die in Berlin eine große Stadtwohnung hatte, fand hier das Gegenteil vom Großstadtrummel. Sie lud Joachim Ringelnatz, den bekannte Schriftsteller, Kabarettisten und Maler, ein und sie verbrachten hier heitere Tage, wovon Fotos zeugen. Zahlreiche Kurzgedichte erzählen liebevoll und lustig von der Insel Hiddensee und dem Haus der Schauspielerin. Der Schauspieler Heinrich George, die Dichterin Mascha Kaléko und manch andere kamen hierher. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 ließ sich Asta Nielsen nicht von den Nazis bestechen, kehrte Hiddensee für immer den Rücken und kam nie mehr zurück. Das ist Haltung. Goebbels hatte um sie geworben, bot ihr eine eigene Filmproduktionsfirma an – aber dieser Handel war mit ihr nicht zu machen. Hier zeigt sich, dass es kaum unpolitischen Refugien gibt. Zeitgeschehen spiegelt sich besonders glasklar, wie unter einem Brennglas in Idyllen und abgelegenen Inseln. 

Die Inselkirche

Ein bemalter Holzengel an der mit Blumen bemalten Decke der Kirche in Hiddensee
Die Inselkirche Hiddensee besticht durch Einfachheit, Klarheit und Schönheit
Foto: © Karin Frucht

Nach einem runden Geburtstag lud mich meine älteste Freundin Corinna zu einer Reise auf die Insel Hiddensee ein. Wir kennen uns seit dem Kindergarten und die Freundschaft hat mit Aufs und Abs bis heute gehalten. Wir kamen mit dem Schiff von Stralsund, wo wir zuvor die ausgesprochen sehenswerte Altstadt besuchten und wohnten in Vitte. Obwohl es Mitte Oktober war, hatten wir herrliches sonniges Wetter und konnten mit dem Fahrrad, das man an vielen Stellen ausleihen kann, locker überall hin. Von Vitte aus fuhren wir nach Kloster, besichtigten das Karusel – hier hatte eine andere Freundin vor kurzem geheiratet, ja, es gibt dort ein Trauzimmer – und studierten die Architektur des Häuschens. In Kloster besuchten wir das Hauptmann-Haus und die zauberhafte Inselkirche. Dann wanderten wir entlang der Steilküste  hoch zum Leuchtturm am Dornbusch.

Das Gemälde „Rettung“ in der Inselkirche
Foto: © Karin Frucht

Die Inselkirche Hiddensee ist ein besonderes Kleinod. Hier besticht Einfachheit und Klarheit. Das Tonnengewölbe – himmelblauer Untergrund auf Holz mit unzähligen niedlichen Rosen – fällt sofort ins Auge. Auch zwei Schiffsmodelle und das große Gemälde „Rettung“ vor der Empore weisen darauf hin, dass hier ursprünglich Fischerfamilien lebten und die Gottesdienste besuchten. Heute finden in den Sommermonaten zudem zahlreiche Lesungen und Konzerte mit Künstlern aus ganz Europa statt. Zum Beispiel mit den Musici Jenenses. Unter dem Motto Cantate Domino treffen sich hier im Juli und August rund 70 Sänger und Musiker, Laien und Profis, Senioren und Jugendliche und proben zwei Wochen gemeinsam. Höhepunkte sind die Aufführungen, Geistlichen Abendmusiken. Meine junge Freundin Hildegard, eine mittlerweile sehr erfolgreiche Violinistin, die auf der ganzen Welt Konzerte gibt, ist jedes Jahr dabei.

So ist das ehemalige Kloster der Zisterzienser, das der Ortschaft Kloster einst den Namen gab, heute ein Treffpunkt der Welt.

Links

www.asta-nielsen-haus.de

www.kirche-hiddensee.de

Hinweis

www.musici-jenenses.de

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