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Wahrzeichen und Regierungssitz zugleich – Berlins Rotes Rathaus

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Das Rote Rathaus mit seiner charakteristischen Klinkerfassade und dem insgesamt 94 Meter hohen Turm Foto: © Stefan Schaubitzer

Nachdem wir den Neptunbrunnen und die Marienkirche bewundert haben, können wir diesmal auf unseren Bus verzichten und spazieren zu Fuß die wenigen Schritte zu einem weiteren populären Wahrzeichen Berlins – zum Roten Rathaus –, dessen markante Turmsilhouette wir aus unseren Augenwinkeln schon seit einiger Zeit beobachtet hatten.

Das in der Nähe des quirligen Alexanderplatzes – des „Alex“ – an der Rathaus-, Jüden-, Gustav-Böß- und Spandauer Straße gelegene Rote Rathaus ist nicht nur der Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters und des Senats von Berlin, sondern auch ein bekanntes Wahrzeichen der Spreemetropole. Bereits im frühen 19. Jahrhundert hatten sich preußische Architekten mit den Gedanken zu einem Neubau des zu klein gewordenen Berliner Rathauses beschäftigt. In jenen Tagen legte der legendäre Oberlandesbaudirektor und verdiente „Architekt des Königs“ Karl Friedrich Schinkel eine Serie von Plänen zum Umbau des Rathauses vor, die allerdings nicht verwirklicht wurden. 

Erst im Jahre 1859 erhielt, nach einem zuvor ausgelobten Wettbewerb, der im damaligen Danzig geborene Architekt und Königliche Bauinspektor Hermann Friedrich Wæsemann den Auftrag für die Ausführung des Rathausneubaus. Allerdings waren zahlreiche Ideen von Wæsemanns Mitkonkurrenten mit in dessen Entwürfe eingeflossen, die in den endgültigen Bauplänen ebenfalls mit berücksichtigt wurden. 

Woher stammt der legendäre Name „Rotes Rathaus“?

Der Neubau des Rathauses erfolgte schließlich, an der Stelle eines wesentlich kleineren Vorgängers, in den 1860er Jahren mit leuchtend roten Backsteinen, die zu der bis heute üblichen Benennung „Rotes Rathaus“ führten. Folglich verdankt das fulminante Gebäude seinen legendären Namen nicht etwa einer politischen Gesinnung, sondern von der auffälligen Fassade der roten Ziegelsteine, die ihren intensiven Glanz vor allem in der untergehenden Abendsonne entfalten. Bereits vier Jahre nach der feierlichen Grundsteinlegung konnte die erste Magistratssitzung im neu erbauten Rathaus abgehalten werden.

Informativ und anschaulich – der Fries der „Steinernen Chronik“

Ein Terrakottafries am Roten Rathaus, das die Rückführung des Brandenburger Tors zeigt
Bild: Rotes Rathaus Fassade Detail 2 © Manfred Brückels / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Das Terrakotta-Relief Nummer 29, die Rückführung der Quadriga des Brandenburger Tors

Der breitgelagerte, fast quadratische Komplex ist mit seinen vier Gebäudeflügeln und den drei offenen Binnenhöfen hauptsächlich vom maßgeblichen Rundbogenstil der Schinkel-Schüler geprägt. Ihre einzelnen Details erinnern jedoch an die architektonischen Bauformen der italienischen Frührenaissance. In den 1870er Jahren wurden die Balkonbrüstungen des ersten Stockwerks mit Terrakotta-Reliefs geschmückt, die das Rathaus als einen bildenden Fries umgeben. In Form einer „Steinernen Chronik“ dokumentieren sie die wechselvolle Berliner Stadtgeschichte vom 12. bis zum 19. Jahrhundert. 

Was die Stunde geschlagen hat – Berliner Rathausturm mit Münchner Uhr

Das in der Nacht beleuchtete Rote Rathaus hat in der Mitte einen hohen Turm, das Hauptgebäude links und rechts davon ist flach.
Alle vier Seiten des Gebäudes sind jeweils 99 Meter lang. Interessant ist das umlaufende Terrakottafries, das chronologisch Szenen der Stadtgeschichte darstellt
Foto: © Stefan Schaubitzer

Den Hauptakzent erhält das Rote Rathaus allerdings von dem für die Berliner Stadtsilhouette charakteristischen 74 Meter hohen Turm, der an die schlanken Glockentürme, die sogenannten Belfriede flämischer Handelsstädte – wie Gent und Brügge – erinnert, die einst durch ihre geschäftstüchtigen  Hansekaufleute vermögend und einflussreich geworden waren. 

An jeder der weithin sichtbaren Rathausturmseiten wurden zwei große aus glasiertem Ton modellierte Bärenplastiken angebracht, die bekanntlich das Berliner Wappentier verkörpern. Die augenfällige Turmuhr wurde von dem Münchner Uhrmacher und Mechaniker Johann Mannhardt angefertigt. 

Im Jahre 1871 konnte Architekt Wæsemann abschließend die Schlussrechnung für den Neubau des Roten Rathauses vorlegen, die sich auf die Summe von stattlichen 2 119 546 Goldmark belief.  

Zerstörungen und Wiederaufbau – das Rote Rathaus nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach den katastrophalen Verheerungen durch die alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg wurden die eindrucksvollen Fassaden des Roten Rathauses im Verlauf der 1950er Jahre nach den Plänen des Architekten Fritz Meinhardt wiederhergestellt. Meinhardt veränderte allerdings die gesamte Innenarchitektur des Stadtverwaltungsgebäudes grundlegend, wobei zahlreiche Räume nicht nur andere Funktionen erhielten, sondern auch im Stil der damaligen Zeit neu gestaltet wurden.

Außergewöhnliche Innenausstattung – der Wappen-, Säulen- und Große Festsaal

Ein großer in Terrakottatönen gehaltener Saal im Roten Rathaus, der Große Festsaal. Ein Kronleuchter hängt an der Decke und Stühle für ein Publikum sind aufgestellt; im Hintergrund spielt ein Kammerorchester.
Bild: LNM 03-13 Rotes Rathaus 02 © A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Große Festsaal im Roten Rathaus

Insgesamt hat das Rathaus über 247 Räume. Zu den imposantesten Räumlichkeiten gehören zweifelsohne der beeindruckende Wappensaal, dessen Name von den Fenstern herrührt, in die die Hoheitszeichen sämtlicher Berliner Stadtbezirke eingearbeitet worden sind. Er war einstmals der Tagungsort der Stadtverordnetenversammlung. Heute werden im Wappensaal unter anderem Staatsgäste empfangen. Der größte Saal im Rathaus, der Große Festsaal, dient für opulente Feierlichkeiten wie Empfänge, Bankette und Zeremonien. An dieser Stelle soll zudem der prächtige Säulensaal hervorgehoben werden, in dem einstmals die umfangreiche Bibliothek des Hauses untergebracht worden war. Allerdings wird der Säulensaal jetzt nicht nur für Ausstellungen genutzt. Besucher, die aus jenen Ausstellungen und Expositionen kommen, können sich in den Fluren der dritten Etage die Porträts aller Ehrenbürger Berlins gleich mit anschauen. 

Ein großer von Marmorsäulen umrahmter Saal mit Parkettboden, an der Decke hängt ein Kronleuchter. Es handelt sich um den Wappensaal des Roten Rathauses.
Bild: LNM 03-13 Rotes Rathaus 03 © A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Wappensaal im Roten Rathaus

Endlich wieder vereint – das Rote Rathaus in unseren Tagen

In Folge der jahrzehntelangen Teilung Berlins hatten der Ost-Berliner Magistrat im Roten Rathaus und der West-Berliner Senat im Rathaus Schöneberg getagt. Erst seit dem Jahre 1991 dient das Rote Rathaus endlich wieder für alle Berliner als ein gemeinsamer Regierungssitz. Natürlich mussten vor dem Umzug des Regierenden Bürgermeisters umfangreiche Renovierungs- und Modernisierungsarbeiten durchgeführt werden. Es galt nicht nur die modernste Technik behutsam einzubauen, ohne größere Eingriffe in das denkmalgeschützte Gebäude vorzunehmen, sondern auch die Aufzugstürme für die Lifte in den Innenhöfen anzubauen. 

Sämtliche computergestützte Installationen sind nicht mehr wegzudenkende Utensilien, aber auch Symbole unserer heutigen Zeit.  

Eine lange Treppe mit rotem Läufer, die in den 2.Stock eines großen klassischen Rathauses führt
Bild: LNM 03-13 Rotes Rathaus 07 © A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Die Eingangshalle des Roten Rathauses mit der Paradetreppe

Lebendig geht es auch auf dem Vorplatz des Berliner Regierungssitzes zu, auf dem regelmäßige Wochenmärkte und der alljährliche Weihnachtsmarkt des Roten Rathauses stattfinden.

Hinweis

Aufgrund von täglichen Veranstaltungen kann es zu vorübergehenden Schließungen des Roten Rathauses kommen. Erfragen Sie bitte die Öffnungszeiten in diesen Fällen unter Telefon: 030 / 9026 2032.

Öffnungszeiten Montag bis Freitag 9:00 bis 18:00 Uhr

Eintritt frei

Adresse

Rathausstraße 15, 10178 Berlin

Telefon 030 / 9026 2411

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Büttner, Horst; u.a.: Kunstdenkmäler, Bildband. Berlin 1987

Trost, Heinrich; u.a.: Bau- und Kunstdenkmale, Berlin I. Berlin 1984

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