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Vier Evangelisten für Pankow

5 Min. Lesezeit
Bild: Kirche Pankow Zu den vier Evangelisten Nordosten (2010) © Jochen Teufel / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Die Pfarrkirche "Zu den vier Evangelisten" in Pankow

Wir kommen aus dem beeindruckenden Pankower Rathaus und steigen in unseren auf dem Parkplatz neben der Stadtverwaltung wartenden Reisebus ein, um zum ältesten erhaltenen Gebäude im nordöstlich gelegenen Berliner Bezirk an der Panke zu fahren. Dort steht auf dem früheren Dorfanger seit beinahe 800 Jahren die alte Pfarrkirche „Zu den Vier Evangelisten“.

Unser Buskompass-Autor deutete es den geneigten Lesern bereits in seinem Artikel über das Pankower Rathaus an, dass die prosperierende Gemeinde an der Panke als Sommerfrische und Sommerwohnsitz von zahllosen Berliner Wochenendausflüglern genutzt worden war. Dafür spricht der Eintrag im Lexicon von Berlin – Ein Handbuch für Einheimische und Fremde aus dem Jahre 1806. Wir lesen dazu: „Pankow, Dorf an der Panke, im Niederbarnimschen Kreis, 1 Meile von Berlin, mit 20 Häusern und 286 Menschen. […] Es wird stark zu Sommerwohnungen und zum Vergnügungsort benutzt.“1 Über achtzig Jahre später schilderte der seinerzeit gerne gelesene Reiseschriftsteller August Trinius die wunderbare Metamorphose Pankows mit den treffenden Worten: „Das allen Berlinern wohlbekannte Dorf Pankow [habe] längst in seiner äußeren Gestalt den Charakter eines Dorfes abgestreift und [mache] mit seinem herrlichen Baumschmuck, den reizenden Vorgärten, eleganten Landhäusern und der stattlich neu erbauten Kirche einen eher städtischen Eindruck.“2 Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts war die neu errichtete evangelische Pfarrkirche am Anger geweiht und geöffnet worden, deren markantes Aussehen mit den beiden filigranen Spitzdachtürmen auf achteckigem Grundriss bis heute unverändert geblieben ist.

Geografische Lage der alten Pfarrkirche auf dem historischen Pankower Anger

Die vom Pankower Rathaus kommende Breite Straße trifft am früheren Pankower Anger auf die aus dem Prenzlauer Berg herangeführte und hier endende Berliner Straße mit ihren Straßenbahnen und dem Autoverkehr, in dem ein lästiger Stau zur Genüge bekannt ist. Diese geografische Lage ist mit Sicherheit kein ruhiger Platz für ein Gotteshaus: „Unsre Kirche trägt Spuren aus beinahe 800 Jahren“, können wir schwarz auf weiß in einer im Gemeindebüro ausliegenden Pankower Kirchenbroschüre lesen. „Verkehrserschütterungen, Feuchtigkeit und Abgase bedrohen das Bauwerk und unwiederbringliche Zeugnisse gelebter Geschichte.“ Ebenso gehört es zur Pankower Historie dazu, dass die aus Feldsteinen erbaute alte Pfarrkirche am Beginn des 20. Jahrhunderts ihre zentrale Rolle als lebendiger Mittelpunkt des beschaulichen Ortes an der Panke aufgeben musste.


Die Gründung der ersten Pankower Dorfkirche 

Aus der historischen in Zentralfrankreich gelegenen Region Burgund, die Bourgogne, waren fromme, nach dem stringenten Klosterregularium des Heiligen Benedikt, Benedetto di Norcia, lebende Zisterziensermönche gekommen, um im Verlauf des 13. Jahrhunderts eine kleine Feldsteinkapelle mit einem einfachen Holzturm in dem damals noch ausgedehnten Sumpfgebiet der Panke zu errichten. 

Aus diesem am östlichen Ende des Pankower Dorfangers erbauten ersten Kirchlein hat sich nach der klassizistischen Erneuerung und der neogotischen Erweiterung in den folgenden Jahrhunderten die heutige Kirche „Zu den Vier Evangelisten“ entwickelt.  

Ein spitzer Turm an der Pfarrkirche in Pankow
Der Spitzdachturm der Pfarrkirche von Stüler stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts
Foto: © Christian Klam

In unseren Tagen besteht das altehrwürdige Gotteshaus aus zwei unterschiedlichen Bauabschnitten. Zunächst haben wir die rechteckige aus Feldsteinen erbaute Saalkirche, die nun als Altar- bzw. Chorraum genutzt wird. Er ist von außen durch einen Staffel- oder Ziergiebel begrenzt, dessen sieben Türmchen die einstmals notwendige Abwehrbereitschaft des Gotteshauses symbolisieren. Die beiden weniger aus ästhetischen Gründen errichteten schlanken Spitzdachtürme sollen die unglückliche Baunaht zwischen der ursprünglichen mittelalterlichen Feldsteinkirche und den negotischen Backsteinmauern des späteren Erweiterungsbaues verdecken. 

Zwei Giebel und im Hintergrund noch ein Spitzturm der Pfarrkirche Pankow
Spitzbogenfenster und Blenden über dem Hauptportal, dahinter die Fensterrose des Stüler Baus
Foto: © Christian Klam

Der Mittelteil der Kirche – die Stüler-Halle – unverwechselbar in Pankow und Brandenburg

Eine Büste des Architekten Stüler auf einem Sockel über seinem Grab
Bild: Friedrich August Stüler grave (aka) © André Karwath aka Aka / Wikipedia CC BY-SA 2.5
Stülers Grabstätte, heute ein Ehrengrab der Stadt Berlin, befindet sich auf dem Friedhof der Dorotheenstädtischen Gemeinde

Der im thüringischen Mühlhausen geborene Architekt Friedrich August Stüler, ein begabter Schüler des legendären Baumeisters Karl Friedrich Schinkel, hat der alten Pankower Pfarrkirche seinen ganz besonderen architektonischen Stempel aufgeprägt. Stüler war zum preußischen Hofbauinspektor der königlichen Schlossbaukommission ernannt worden und reüssierte später als Oberbaurat, als „Architekt des Königs“, Friedrich Wilhelms IV. von Preußen. Während seiner Praxis entwarf er sowohl das Neue Museum, die Neue Synagoge und die Alte Nationalgalerie in Berlin-Mitte als auch die Neue Orangerie, das sogenannte Orangerieschloss, das Belvedere auf dem Pfingstberg und die Friedenskirche im Marlygarten in Potsdams Sanssouci. Wie wir sehen, gibt es berühmte Stülergebäude en masse, aber an der Pankower Pfarrkirche realisierte der große Architekt das Konzept des „Weiterbauens am Denkmal.“ Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine umfassende Restaurierung des mittelalterlichen Gotteshauses am Anger notwendig geworden war, hat Stüler auf Geheiß seines architekturbegeisterten Königs Friedrich Wilhelm IV. die alte Dorfkirche nicht einfach abgebrochen, sondern er bezog sie mit in sein neues Baukonzept ein. Aufmerksame Beobachter erkennen, dass die beiden grazilen Kirchtürme optische Bezüge hervorrufen, wobei sie die zwei verschiedenen Gebäudeteile zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen. Außerdem stellte die Alt-Pankower Gemeinde ihr rekonstruiertes Gotteshaus unter die besondere Schutzherrschaft und den Beistand, das Patrozinium, der „vier Evangelisten“, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

Das mit steinernen Bögen umfasste Hauptportal der Pfarrkirche.
Das neogotische Hauptportal an der Westseite
Foto: © Christian Klam

Schließlich wurde über 50 Jahre später in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts vor die klassizistische Stüler-Halle das an der Westseite der Kirche gelegene neogotische Hauptportal ergänzend angebaut. Last but not least erhielt die Pfarrkirche darüber hinaus den Bonhoeffer- und den Coventry-Saal, die beide einträchtig in den Gesamtbau integriert worden sind.  

Das Innere der Pankower Pfarrkirche 

Wenngleich die alte Pfarrkirche an einer lauten, niemals mit Autos, Bussen und Straßenbahnen leer bleibenden Pankower Kreuzung steht, strahlt das ehrwürdige Gotteshaus eine gelassene Ruhe aus. 

Das Innere der Pfarrkirche mit dem Taufbecken und dem Altar
Bild: ED2018945 © Elena Dunkul / Wikipedia CC BY 3.0
Der Blick auf das Taufbecken und den Altar

Nachdem Gläubige und Besucher die Kirche durch das westlich gelegene Portal betreten haben, fällt ihr erster Blick sofort auf den Altar und das Taufbecken. Linker Hand befindet sich in mäßiger Höhe der sogenannte Ambo, bei dem es sich um eine frühe Kanzelform in christlichen Kirchen handelt. Ambos sind meistens unweit des Altars platziert, wobei sie heutzutage von Diakonen und Priestern für biblische Lesungen und für die Verlautbarung besonderer Kommuniqués genutzt werden. Damit von der erhöhten Kanzel keine ketzerischen Irrlehren gepredigt werden, wurden um den Ambo in einem Halbkreis herum einige Skulpturen berühmter Kirchenmänner aufgestellt, von deren bahnbrechenden Gedanken noch immer maßgeblich die Rede ist. Zunächst sehen wir den Wittenberger Reformator Martin Luther, gleich daneben den „Lehrmeister Deutschlands“, den „Praeceptor Germaniae“, für theologische Studien, Philipp Melanchthon, und den einstmals im französischsprachigen Genf, Genève, lebenden Theologen und Reformator Johannes, Jean Calvin. Nicht nur diese drei außergewöhnlichen Persönlichkeiten verkörpern die geistige Breite und Tiefe des abendländischen Protestantismus, der auch in dieser kleinen Pankower Kirche seine eindrucksvolle Aura verbreitet.

Im Inneren der Pankower Pfarrkirche befindet sich eine Kanzel neben einer weißen Säule
Bild: ED2018954 © Elena Dunkul / Wikipedia CC BY 3.0
Der Ambo, eine frühe Kanzelform in christlichen Kirchen

Die Pankower Pfarrkirche nach dem Zweiten Weltkrieg bis in unsere heutige Zeit

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs hatte die Pankower Pfarrkirche immense Zerstörungen zu erleiden. Nichtsdestotrotz wurde sie schon bald nach dem Ende der schrecklichen Kämpfe in den frühen 1950er Jahren wiederaufgebaut und anschließend in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts modernisiert. In der ersten Dekade des neuen Millenniums konnte eine umfassende Restaurierung am denkmalgeschützten Kirchengebäude durchgeführt werden. 2009, zum 150. Geburtstag des von Friedrich August Stüler errichteten mittleren Gebäudeteils, der Stüler-Halle, erfolgte deren komplette Innensanierung. Dennoch bedrohen weiterhin permanente Erschütterungen aufgrund des Straßenverkehrs, schädliche Autoabgase und unverhältnismäßige Bodennässe nicht nur das kunsthistorisch wertvolle Kirchenbauwerk, sondern auch das unwiederbringliche Erbe der gelebten Pankower Ortsgeschichte. 

Link

https://kirchenbauforschung.info/

Hinweis

Der Haupteingang der Pankower Pfarrkirche „Zu den vier Evangelisten“  liegt ebenerdig und ist somit barrierefrei passierbar.

Abgesehen mit dem privaten Pkw und mit dem Reisebus ist die Pankower Pfarrkirche mit der U-Bahnlinie U2 sowie mit den Straßenbahnen, der Tram 50 und der Tram M1, direkt zu erreichen.

Adresse
Pfarrkirche Pankow
Breite Straße 37, 13187 Berlin

Tel: 030/47 53 42 53

Literatur

1Gädicke, Johann Christian: Lexicon von Berlin und der umliegenden Gegend. Enthaltend alles Merkwürdige und Wissenswerthe von dieser Königsstadt und deren Gegend. Ein Handbuch für Einheimische und Fremde. Berlin 1806

2Trinius, August: Märkische Streifzüge, Berlin 1884

Fait, Joachim; Horst Büttner, u.a.: Die Bau- und Kunstdenkmale, Band II, hrsg. vom Institut für Denkmalpflege. Berlin 1987, S. 24f. + drei schwarz-weiß Abbildungen    

Wohler, Heinrich: Alte Berliner Dorfkirchen. Die Zeichnungen Heinrich Wohlers, hrsg. von Renate und Ernst Oskar Petras, Berlin 1988, S. 57. Aquarell der Dorfkirche Pankow vom 26. Oktober 1834  

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