ArchitekturGeschichteSachsen

Neue Synagoge Dresden – avantgardistischer Kubus gegen das Vergessen

5 Min. Lesezeit
Bild: Synagoge - Panorama, Dresden © Maros M r a z (Maros) / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Neubau aus dem Jahr 2001 war architektonisch zunächst umstritten. Der Mut wurde belohnt – heute steht die Neue Synagoge Dresden für die Verbindung von Tradition und Moderne

Waren Sie schon mal in einer Synagoge?
Was ist anders an einem solchen Gotteshaus?
Erfahren Sie Wissenswertes zu jüdischen Symbolen und Traditionen. Eine Führung durch ein ganz besonderes Gebäude am Dresdener Elbufer.

Anfang und Neubeginn. Die Kräfte, die sich auch in Dresden und insbesondere in Dresdens Architektur immer wieder entfaltet haben, spiegeln sich auch in den religiösen Bauten der Stadt. Anders als die im Dresdener Feuersturm vom Februar 1945 zerstörte Frauenkirche wurde die durch antijüdische Novemberpogrome am 09. November 1938 niedergebrannte alte Semper-Synagoge nicht originalgetreu rekonstruiert. Im Gegenteil. Die jüdische Gemeinde in Dresden entschied sich vor der Jahrtausendwende für einen postmodernen Entwurf aus Gemeindezentrum, öffentlichem Platz und Synagoge. Spatenstich für den Bau war am 60. Jahrestag der Pogromnacht, eingeweiht wurde sie ebenfalls an einem 09. November. Es war das Jahr 2001.

Ein altes Foto der Semper-Synagoge aus dem Jahr 1910 vor ihrer Zerstörung
Bild: Dresden alte Synagoge Semper 1910 © Unknown authorUnknown author / Wikipedia CC0 1.0
Die alte Semper-Synagoge vor ihrer Zerstörung bei der Pogromnacht am 09. November 1938. Die Neue Synagoge Dresden wurde am selben Standort errichtet

Führungen durch die Neue Synagoge Dresden

Gute zwanzig Jahre später besuchen wir die Synagoge am Dresdener Elbufer zu einer Führung, bei der auch das Innere der Synagoge besichtigt werden kann. Die Führungen finden in der Regel einmal die Woche (Donnerstag) am späten Nachmittag statt. Über die genauen Termine informieren sie sich am besten über die Homepage des Vereins Hatikva – Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsen e.V. oder auch direkt unter den Telefonnummern: 0351-8020489 bzw. 0351-6568825 Bei Personengruppen ab 15 Teilnehmern wird ohnehin um eine Voranmeldung gebeten; gerne auch per E-Mail an liehm@hatikva.de. Ist diese kleine organisatorische Vorarbeit geleistet, kann der Reisebus bestiegen werden und Sie können sich direkt an den Rand der Dresdener Altstadt bringen lassen. Unter der Carolabrücke am südlichen Elbufer gibt es einen großen Busparkplatz. Von hier aus können Sie auf die Elbe blicken, sich in Richtung der berühmten Brühlschen Terrasse orientieren oder sie bewegen sich barrierefrei einen kleinen Hang hinauf direkt zur Neuen Synagoge Dresden.

Ein altes Foto von der Eröffnung der heutigen Carola-Brücke aus dem Jahr 1971
Bild: Bundesarchiv Bild 183-K0704-0001-013, Dresden, Rudolf-Friedrichs-Brücke © Bundesarchiv, Bild 183-K0704-0001-013 / CC-BY-SA 3.0 / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Eröffnung der heutigen Carolabrücke im Jahr 1971. Wie auf dem Foto zu erkennen ist, war sie vom ersten Tag an sehr beliebt auch bei Reisebussen

Architektur der Neuen Synagoge Dresden

Heute empfängt uns ein oberhalb der Elbe gelegenes kleines Areal, welches sich in drei Teile gliedert. Der Kubus mit den 39 schmalen Fenstern beherbergt das Gemeindezentrum. Hier drin gibt es einen Veranstaltungssaal, der bis zu 300 Personen fasst und eine Bibliothek für die Gemeinde. Auch wir finden hier Informationsmaterial zur Geschichte und zum Bau der Neuen Synagoge. An das Gemeindezentrum, das sich nach Norden mit einer großen Glasfassade öffnet, schließt sich ein kleiner, mit Bäumen bepflanzter, öffentlich zugänglicher Platz an. Das eigentliche architektonische Highlight und zugleich Symbol des Fortbestandes der jüdischen Synagogen in Dresden erhebt sich 24 Meter empor und ist aus einem Kunstsandstein, der sich farblich gut an den Stil der Dresdener Altstadt anschließt. Das Gebäude wirkt wie ein verdrehter Block und das ist er auch. Der Grundriss ist ganz in die Grundstücksecke eingepasst worden. Die Drehung sorgt dafür, dass der eigentliche Gebetsraum, der sich unter einem mit Davidsternen eingefärbten Metallvorhang verbirgt, streng nach Osten ausgerichtet ist. Der zugleich durchlässige und abgrenzende Schutzraum, vergleichbar mit einem Baldachin oder Zelt steht für sich, oder vielmehr hängt er hier von der Decke herab. Um ihn herum ein geschlossener Kubus, der sich in seiner Materialität und Farbigkeit durchaus bewusst an die  Jerusalemer Klagemauer anlehnt.

Das hohe Eingangsportal zur Neuen Synagoge Dresden
Bild: 20070902045DR Dresden Neue Synagoge © Jörg Blobelt creator QS:P170,Q28598952 / Wikipedia CC BY-SA 4.0
Das hohe Eingangsportal zur Neuen Synagoge Dresden. Die hebräische Inschrift ist die Selbe wie auf der alten Synagoge, deren Brandruine am 12.November 1938 von den Nationalsozialisten gesprengt wurde: Mein Haus werde ›Haus der Andacht‹ genannt für alle Völker

Der Davidstern der alten Semper-Synagoge

Eine besondere Geschichte ist erwähnenswert, da sie das Ringen um Versöhnung, die Geschichte der begangenen Deutschen Gräueltaten gegenüber den Juden und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in einer guten Weise zusammenführt. Der Dresdener Feuerwehrmann Alfred Neugebauer (1914-2006) rettete den Davidstern der alten Semper-Synagoge. Er blieb als einziges Relikt des Bauwerkes erhalten und wurde 1949 an die jüdische Gemeinde in Dresden zurückgegeben. Auf diesem Weg konnte der Davidstern letztlich eine neue Bleibe an altem Standort in der Neuen Synagoge Dresden erhalten. Dazu werden Sie auch Interessantes bei Ihrer Führung erfahren und im Gotteshaus selbst werden Sie ihn ebenfalls zu Gesicht bekommen.

Der Davidstern der Alten Semper-Synagoge im Innern der Neuen Synagoge Dresden.
Bild: Davidstern der alten Synagoge Dresden – heute in der Neuen Synagoge II © Daniel Rohde-Kage / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Davidstern der Alten Semper-Synagoge im Innern der Neuen Synagoge Dresden. Nach einer Lesart stehen die sechs Dreiecke am Rand für die sechs Schöpfungstage und das Sechseck in der Mitte verkörpert den siebten Tag, den Ruhetag nach dem Erschaffen

Alltag in der Neuen Synagoge Dresden

Wenn Sie nicht jüdischen Glaubens oder gar Teil der jüdischen Gemeinde Dresdens sind, werden Sie nicht ohne Weiteres an Gebeten oder Veranstaltungen in der Neuen Synagoge Dresden teilnehmen können. Aber es sei Ihnen versichert, dass hier die jüdischen Gebets- und Festtage ebenso authentisch begangen werden wie die christlichen Feiertage in den romanischen und gotischen Kirchen oder die Feste und Freitagsgebete für Menschen muslimischen Glaubens in Moscheen. Ins Gespräch zu kommen lohnt sich aber in jedem Fall. Im Gemeindehaus erfahren Sie etwas über öffentliche Veranstaltungen, über  den nächsten Tag der offenen Tür und über die Möglichkeiten, an weiteren Führungen zum jüdischen Leben (Stadtrundgänge) und Sterben (Neuer und Alter jüdischer Friedhof) teilzunehmen. Die jüdische Historie Dresdens reicht lange zurück, schon im 13. Jahrhundert gab es einen jüdischen Gebetsraum in der Stadt. Nach Jahrhunderten der Verbannung gab es seit dem 18. Jahrhundert wieder Orte jüdischer Begegnung und schließlich im Jahr 1840 den Bau der alten jüdischen Synagoge.

Ein Gemälde, das betende Juden in der Synagoge am Jom Kippur Tag zeigt
Maurycy Gottlieb artist QS:P170,Q443136, Maurycy Gottlieb – Jews Praying in the Synagogue on Yom Kippur, Grösse von Buskompass, CC0 1.0 Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag. Er wird stets im September oder Oktober begangen. Er bedeutet Versöhnungstag und ist ein Tag der Ruhe und des Fastens. Hier wurde er Ende des 19. Jahrhunderts von dem polnisch-jüdischen Maler Maurycy Gottlieb festgehalten. Das Ölgemälde hängt im Tel Aviv Museum of Art

Die Elbe – Überraschung an der Carolabrücke

Wenn Sie nach der Führung auf der Suche nach etwas zu Essen sind, können Sie sich in die direkt angrenzende Dresdener Altstadt begeben, in welcher es zahlreiche Möglichkeiten dafür gibt. Geht es für Sie bereits wieder zurück zum Reisebus, so schlagen Sie doch diesmal den kurzen Weg über den Ausläufer des Brückenkopfes ein. Er befindet sich unmittelbar westlich der Neuen Synagoge Dresden. Die 1971 eröffnete Carolabrücke hatte natürlich bereits einen Vorgänger selben Namens. Von 1892-1945 existierte sie; dann wurde sie von den Nationalsozialisten einen Tag vor Kriegsende gesprengt. Aber die alten, an Reiterstandbilder erinnernden Skulpturen des deutschen Bildhauers Friedrich Offermann (1859-1913) blieben erhalten. Sie verkörpern die Bewegte Elbe und die Ruhende Elbe. Passende Motive für den in Hamburg geborenen und in Dresden verstorbenen Elbanrainer.

Die zwei Sandsteinfiguren Die ruhende Elbe und Die bewegte Elbe.
Bild: Dresden Carolabrücke 2 © X-Weinzar / Wikipedia CC BY-SA 2.5
Allegorie in Stein: Der Meeresgott Triton versucht die Bewegte Elbe zu bezwingen. Eine zu den Nymphen zählende Nereide reitet sanft auf der Ruhenden Elbe dahin. Erhaltene Sandsteinskulpturen aus dem Jahr 1907

Hinweise

  • Neue Synagoge Dresden
    Hasenberg 1
    01067 Dresden
    Telefon: 0351 – 65 60 720
  • Die Führungen kosten 6€ (ermäßigt 4€) – Männer benötigen eine Kopfbedeckung
  • Hatikva bedeutet im Hebräischen Hoffnung. Der gleichnamige Dresdener Verein organisiert im Übrigen auch Führungen über den Alten jüdischen Friedhof in der Äußeren Dresdener Neustadt. Auch Führungen zum jüdischen Leben in der DDR und zu weiteren jüdischen Themen für Jung und Alt werden angeboten.

Lesenswert

Sehr praktisch und eine informative Vor- oder Nachbereitung bietet das im Reclam-Verlag erschienene Bändchen Das Judentum von Norman Solomon. Es wurde 2022 neu aufgelegt und kostet 7,80€

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