Feuilleton

HUBERTUS

4 Min. Lesezeit

Manche Menschen sind anders. Das weiß jeder. Alle Menschen sind anders. Jeder Mensch ist einzigartig. Aber manche Menschen sind anders anders. Mein Bruder war speziell anders.

Mein Bruder war Busfahrer. Auch Busfahrer. Er hat mal Jura studiert und dann Psychologie, aber das war alles nichts für ihn. Er brach alles ab. Er spielte Gitarre in einer Band. Damals, 1962 bis 1972. Sah gut aus und hatte große Pläne: Er wollte ein berühmter Musiker werden. Nebenbei fuhr er Taxe und Bus, um sich sein Leben zu verdienen.  

Es hieß, er sei das intelligenteste und sensibelste Kind aus der Reihe meiner größeren Geschwister, die in West-Berlin lebten und wir in Ost-Berlin. Damals waren das nicht einfach nur Himmelsrichtungen. Sondern zwischen Ost- und Westberlin war eine schier unüberwindbare Mauer gebaut, die die Systeme Ost und West – es hieß: den Kapitalismus und den Sozialismus – trennte. Auf der anderen Seite hieß es nicht Kapitalismus, sondern: die Freie Welt und das Regime in Pankow. Das bedeutete, dass ich aus Ostberlin, aus Grünau, nicht einfach nach Westberlin, nach Lichterfelde, fahren konnte. Auch nicht mit dem Bus oder mit dem Auto – es war einfach bei Todesstrafe verboten, in den Westen zu fahren. Die aus dem Westen konnten aber in den Osten fahren, mit Passierscheinen oder Tagesvisum. Meistens mit der S-Bahn oder dem Auto. Also kam auch mein Bruder Hubertus manchmal, vorzüglich im Sommer, zu uns nach Grünau. Einmal, ca. 1975, hatte er einen weißen Anzug aus Leinen an, lange Haare bis über die Schultern und eine Gitarre dabei, als er uns besuchen kam, und er redete wie ein Buch, unaufhörlich. Er  sagte, dass er letztens Proben mit der Band von Udo Jürgens gehabt habe und dass er bald mit Udo Jürgens eine Platte machen würde. Als er im folgenden Sommer was ganz ähnliches erzählte, wunderten wir uns ein bisschen. Aber woher sollten wir denn wissen, was im Westen los war. Und er erzählte wieder und wieder solche und ähnliche Geschichten. Immer wieder von Udo Jürgens und dass der Erfolg bald kommen würde. Im folgenden Jahr waren seine Geschichten nicht mehr so hoffnungsvoll und sein Blick ging manchmal ins Leere. Die Sätze kürzer und weniger farbig. Von Hubertus ging anderseits eine besondere Entspanntheit aus. Er fragte mich kaum was und meine Mutter und  meine Schwester auch nichts, nach dem, wie wir so lebten zum Beispiel. Auch kaum nach unserem Vater, der zu dieser Zeit schon seit acht Jahren als Whistleblower in Bautzen, in der DDR, im Gefängnis saß. Hubertus wusste eh Bescheid. Er lebte in seiner eigenen Welt. Er wurde verrückt.  Viel weiß ich darüber nicht. Denn er lebte in Westberlin hinter der Mauer.

Ich hab ihn dann länger nicht gesehen. Es hieß, er fahre noch weiter Bus und Taxe. In der Band habe er aufgehört. Leider.

Zum 75. Geburtstag unseres Vaters, der inzwischen entlassen war,  schenkte er ihm eine mit Schreibmaschine getippte gebundene Schrift ähnlich einer Doktorarbeit oder einer Festschrift, in der er erklärte und beschrieb, woher alles Unheil auf der Welt und alle Krankheiten der Menschen kämen: nämlich von kleinen Mikroben auf der Haut, kleinen Tieren, die man gut mit Alkohol abreiben müsse: Immer schön Hände waschen! Erklärte er auch unseren Kindern und sagte es jeweils zum Abschied. Und verschenkte kleine Flaschen mit Schnaps oder Spiritus zum Abreiben. Hubertus redete mit den Bäumen und er fürchtete sich vor ihnen. Sich behandeln lassen, mit Medikamenten oder einer Therapie, das wollte er nicht. In bestimmter Weise beratungsresistent ging er seinen Weg weiter. Wir anderen wussten nicht, worauf das hinausläuft. Mancher konnte es vielleicht ahnen.

Irgendwann lebte Hubertus allein in einer armseligen Bleibe in Kreuzberg. Die große weitläufige Wohnung in der Kantstraße, die immer offen für alle war, war passé, aus nicht geklärten Gründen war sie abgebrannt. 

In der neuen Umgebung gab es keine Freunde und Schnorrer mehr, nur noch Ginger, einen freundlichen Nachbarn, der sich kümmerte, ihm half, sich Gitarrenunterricht geben ließ und ihn ans Telefon holte, wenn mal jemand anrief. Sicher hat er ihn auch vor dem Schlimmsten bewahrt. Ginger passte auf ihn auf, holte ihn ans Telefon, wenn mal jemand anrief – was nicht oft vorkam, denn wir waren mit unserem eigenen Leben beschäftigt. Für unseren Vater und unseren älteren Bruder Uli, beides Ärzte, war es schwierig, das Leben von Hubertus zu erleben und auszuhalten – denn er ließ sich weder mit Geld noch guten Worten überzeugen, eine Therapie zu machen, in eine Klinik zu gehen und sich behandeln zu lassen. Denn er konnte alles, was ihn betraf, das Gute und auch das Schlechte bestens erklären.

Man kann sagen: Mein Bruder lebte damals bereits nachhaltig, er gab kaum Geld aus, reiste so gut wie nicht und verbrauchte kaum etwas, auch keine Elektrizität. Seine chaotische Wohnung, von allem Holz befreit – Papier, Holz und Bäume hatte er wegen ihrer Gefährlichkeit gefürchtet – glich am ehesten einem technischen Arbeitsplatz. Licht produzierte er mit einer selbstgebauten Anlage. Wie er mit sich selbst und seinen Talenten und Begabungen umging, war tragisch.  

Vor zwanzig Jahren, als Hubertus siebenundsechzig war und unser Vater schon nicht mehr lebte, tobte ein Jahrhundertsturm über Berlin und entwurzelte Bäume. Auch Hubertus war jetzt ohne jeglichen Halt. Er aß nichts mehr und wäre ohne Gingers Alarm verhungert. Uli holte Hubertus nach vielen behördlichen Schwierigkeiten zusammen mit anderen Familienmitgliedern aus seiner völlig verwahrlosten Wohnung heraus und brachte ihn in ein Pflegeheim. Da lebte er bis zum letzten Dienstag. Am Dienstag, dem 25. Mai 2021 starb unser Bruder Hubertus im Alter von fünfundsiebzig Jahren.

Pfingstsamstag und Pfingstmontag saß ich noch lange an seinem Bett und habe ihm vorgesungen. Geh aus mein Herz, und suche Freud. Er hörte zu, schaute mich an, ging mit. Früher, vor Jahren hatte ich ihn mal gefragt, welche Erinnerungen er an unseren Vater habe, da sagte er: „Hat Querflöte gespielt, hat Musik gemacht.“ – Später, als ich ihn mal wieder auf Musik ansprach, sagte er: „Zu gefährlich. Musik ist gefährlich.“ Es war gut, dass ich in seinen letzten Tagen bei ihm war. 

Danke, lieber Hubertus! Mach’s gut!

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