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Eine Busreise nach Polen

5 Min. Lesezeit
Bild: Oder © Karin Frucht
Die Oder nahe dem Grenzübergang nach Polen

Was ist kurz hinter der Grenze nach Polen los?
Welche Landschaft und welche Orte verbindet sich mit dem Namen Neumark?
Was ist in der Festung Küstrin, Kostryn nad Odra, zu finden?

Letzten Samstag unternahm ich meine erste Reise mit dem Bus und einer Reisegruppe seit langer Zeit. Die evangelische Kirche in Berlin-Lichtenberg bot einen Gemeindeausflug in die Neumark, nach Polen an. Ich dachte mir: Warum nicht? Bekommt man doch bei einer Busfahrt die Reiseziele auf dem Silbertablett präsentiert. Ich meldete mich an und die Reise, die seit zwei Jahren geplant war, fand nun tatsächlich statt. Abfahrt 8 Uhr in Berlin-Lichtenberg, an der U-Bahnstation Am Tierpark. Also musste ich zu Hause, im ganz anderen Teil der Stadt, bei Zeiten los. Zudem war es etwas seltsam, eine Reise mit einer Reisegruppe zu unternehmen, von der man niemanden kennt. Bis ich den Abfahrtsort gefunden hatte, war es fünf nach acht. Ich hatte sicherheitshalber vorher angerufen, dass ich noch komme, auch wegen meiner weiten Anfahrt am frühen Morgen. Als ich schließlich vor Ort ankam, waren natürlich schon alle im Bus. Ich hatte erwartet, dass vielleicht fünf oder zehn Leute mitfahren – aber der Bus war fast voll besetzt mit über vierzig Mitreisenden. Und alles Rentner! Nicht dass ich was gegen Rentner habe – wir werden alle älter – aber diesen Leuten sah man es so an: alle weißhaarig, ungefärbt und mit größtenteils Kleidung in der Farbe Beige! Ich dachte: „Naja“. Und verkroch mich nach hinten, wo zum Glück noch ein Doppelplatz frei war in einer Ecke.  Nachdem nun alle da waren, fuhr der Bus los. Es war ein großer, stabiler Reisebus eines bekannten Berliner Busreiseunternehmens und schuf so ein gewisses Vertrauen, dass der Fahrer wohl Bus fahren könne. Die Frau neben mir packte sogleich ihre Büchse mit Broten aus. Mhm. Na zum Glück war neben uns ein Sitz frei. Essen ist doch irgendwie etwas Persönliches, zumal mit selbstgemachten Stullen – ich wollte eigentlich nicht mitessen. Wir verließen Berlin Richtung Osten.

Tja, und da es ein Ausflug mit der Kirche war, gab es gleich die nächste Überraschung: Der Pfarrer, der übrigens ganz cool aussah, er war gekleidet wie ein Rock-Musiker mit grauer Jeans, die ihm auf den Hüften hing und schwarzem Hemd – er war in dieser Reisegesellschaft mit Abstand der Jüngste – machte per Mikrofon die Ansage, dass wir jetzt eine kurze Morgenandacht machen und verteilte Liederbücher. Sogleich schlug er mit Gitarre und via Mikrofon die Stimme an. Das wollte ich nun gar nicht: Zwar singe ich seit Jahren erfolgreich im Kirchenchor geistliche Lieder von Bach und Mozart, aber doch bitte dann, wenn ich es will und nicht per Gruppenbeschluss morgens um acht Uhr dreißig. Ich schmollte und mein Mund blieb zu. Ja, allerdings wenn ich bedenke: für ältere Leute, die nicht regelmäßig singen, können solche musikalischen Gruppenerlebnisse belebend sein – und an die Kindheit erinnern. Ich fühlte mich wie im Reli-Unterricht, also klatschen nach Stundenplan oder auf einer Konfi-Fahrt. Jedenfalls war alles überraschend.

Über die Oder nach Chojna, Königsberg in der Neumark

Blühende gelbe Rapsfelder mit einem Baum im Vordergrund
Bild: Raps © Karin Frucht
Blühende Rapsfelder vom Reisebus aus gesehen

Wir fuhren an blühenden Rapsfeldern in hügeliger Landschaft vorbei. Alle schauten nun aus den Fenstern und ich plauderte nun doch dabei mit meiner Sitznachbarin. Beim Grenzübergang nahe der Stadt Schwedt fuhren wir über die Oder nach Polen. Nach ungefähr 20 Kilometern kamen wir zu der Kleinstadt Chojna, Königsberg in der Neumark. Deren Altstadt wurde im Krieg schwer getroffen, zwar restauriert, aber sie sieht immer noch recht kahlgeschlagen aus.

Die Marienkirche in Chojna, Königsberg in der Neumark
Bild: Marienkirche Chojna © Karin Frucht
Die Marienkirche in Chojna, Königsberg in der Neumark

Wir besichtigten die Marienkirche. Die Stadtkirche wurde 1389 erbaut, mehrfach umgebaut und wiederaufgebaut steht sie nun heute im Stil der Backsteingotik am Marktplatz. 1945 fast völlig zerstört und ab 1990 als ökumenischer Begegnungs- und Kulturort rekonstruiert. 1882 bereits war der zuvor umgestürzte Kirchturm durch den Berliner Architekten Friedrich August Stüler neu entworfen worden. 

Es war geplant gewesen, den Kirchturm zu besteigen, aber wegen der ausführlichen Führung fiel leider dieser Punkt aus. 

Wenn man die Kirche betritt, hat man das Gefühl, auf einer ewigen Baustelle zu sein.

Ein Eimer mit Weihwasser als Ersatz
Bild: Weihwasser © Karin Frucht
Weihwasser im Wassereimer

Selbst das Weihwasser, was sich in allen katholischen Kirchen in einer Nische neben dem Eingang befindet, wird hier in einem Wassereimer präsentiert. Ich finde, das geht zu weit. Weihwasser ist ein Segenszeichen. Und auch mit wenigen Mitteln, zum Beispiel einem Blumenkranz oder einer Tonschale lässt sich ein Weihwasserbecken liebevoller gestalten. Vielleicht haben wir Besucher auch einen ungünstigen Moment erwischt und der Wassereimer aus Emaille wurde in wenigen Stunden wieder ausgetauscht.

Nach Mieskowice, Bärwalde

Wir fuhren weiter durch die Landschaft der Neumark. Was ist die Neumark? Die Neumark ist eine historische Landschaft und bildet mit der Kurmark, der Uckermark, der Mittelmark und des Weiteren der Altmark die Mark Brandenburg.

Der Altar im Inneren der Kirche in Mieskowice, früher Bärwalde.
Bild: Kirche Bärwalde © Karin Frucht
Das Innere der Kirche in Mieskowice, früher Bärwalde

Wir kamen zu dem Städtchen Mieskowice, früher Bärwalde. Dieses kleine Städtchen wurde im Krieg kaum zerstört und hat eine niedlich herausgeputzte und gepflegte Kirche, die bei unserem Besuch an einem Samstag schon feierlich mit hunderten weißen Blumen für die morgige Kommunion geschmückt war.

Nachdem wir uns hier umgesehen hatten, ging es wieder in den Bus. Wir fuhren auf ein Landgut, wo die Frauen der Kirchgemeinde ein Mittagessen für uns gekocht hatten. Es gab Brokkolisuppe, Hähnchenroulade mit Pilzen gefüllt, Kartoffeln sowie einen grünen Salat. Einfach, aber gut.

Auch hier war ich nun gezwungen, mit wildfremden Menschen dicht an dicht am Mittagstisch zu sitzen. Das ist eben so bei einer Busreise und nicht zu ändern. Muss man aber vorher wissen.

Nachdem wir uns bei den Köchinnen – es waren tatsächlich ausschließlich Frauen – bedankt hatten, fuhren wir weiter nach Küstrin.

Die ehemalige Festung Küstrin

Von dieser alten Festung, die 1535 errichtet wurde, sind es 85 km nach Berlin Mitte.

Es wird gesagt, dass die Trümmer  der einstigen preußischen Festung Pompeji an der Oder seien. Das finde ich nicht so. Das Ausmaß der von Menschen gemachten Zerstörung ist zu groß. In Pompeji war es die Natur, der Vesuv. Das ist ein Unterschied. So fand ich den Gang durch die Ruinen von Küstrin vor allem erschütternd und trotz des vielen Grün ziemlich grau. Viel Leid ist hier geschehen. Dennoch ist ein Besuch hier für historisch Interessierte zu empfehlen. 

Einige der Überbleibsel der zerstörten Stadt Küstrin in Polen
Bild: Ruinen © Karin Frucht
Das Ausmaß der Zerstörung ist hier überall zu sehen

Einige Bastionen wurden aufgebaut, ein Museum eingerichtet. Unsere Reisegesellschaft hatte einen zu geschwätzigen, etwas großmäuligen Reiseführer. Daher war es mir nicht möglich, ihm zuzuhören. Ich ging also weitgehend entfernt von der Reisegruppe allein durch die von Pflanzen überwucherte Ruinenlandschaft und machte mir eigene Gedanken. Eine Geschichte ist mir allerdings im Gedächtnis geblieben. Als junger Erwachsener hatte der spätere König Friedrich der Große einen Jugendfreund, Hans Hermann von Katte. Beide wollten zusammen nach England fliehen. Die Fluchtpläne gingen wohl  in erster Linie von Friedrich aus. Katte half ihm. Beide wollten der Enge und der Drangsal ihres Lebens in Preußen, auch dem vorbestimmten Weg entfliehen. Die Flucht misslang und Katte wurde 1730 im Alter von sechsundzwanzig Jahren in Küstrin vor den Augen seines Freundes hingerichtet. Der Kronprinz war achtzehn Jahre alt. 

Die Festung Küstrin wurde 1758 im Siebenjährigen Krieg vollständig zerstört. Später wieder aufgebaut und 1945 erneut zerstört.

 

Ein Schild, das von Küstrin in Polen in Richtung des Berliner Tors zeigt
Bild: Berliner Tor © Karin Frucht
Es sind 85 km nach Berlin Mitte

Nachdem wir über eine Stunde durch die wilde, geschichtsträchtige Landschaft gelaufen waren, ging es über die Oder zurück zum Bus.

Nun folgte noch das obligatorische Kaffeetrinken in einem deutschen Gasthof, da in Polen alles ausgebucht war. Sodann Rückfahrt nach Berlin. Gegen 20 Uhr waren wir zurück.

Ich muss sagen, trotz meiner Vorbehalte und einigem für mich Ungewohnten war dieser Tag interessant und vielfältig. Ich habe einiges erlebt und erfahren.

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