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Das Filmtheater Schauburg in Dresden – Kinotempel auf der Zielgerade zum 100-jährigen Bestehen

4 Min. Lesezeit
Bild: Schauburg dresden 2018-09-18 - 2 © Z_thomas / Wikipedia CC BY-SA 3.0
1927 wurde die Schauburg Dresden erbaut. Der graue Würfel auf dem Dach ist allerdings deutlich neueren Datums und beherbergt einen weiteren Kinosaal

Der Vorhang öffnet sich, die Leinwand beginnt zu flackern.
Willkommen in einem der ältesten Lichtspielhäuser Deutschlands.
Wir entdecken die Äußere Neustadt in Dresden, schlendern zum Alaunpark und essen in der Planwirtschaft – was für ein Programm!

Es herrscht Unruhe im Saal, die Sitzplätze aus Sperrholz knirschen. Es wird geflüstert und gerufen. Erste Klänge ertönen aus dem Orchestersaal. Es wird dunkel und der schwere Vorhang schiebt sich ganz gemächlich auf. Langsam wird es ruhiger an diesem Eröffnungsabend. Wir schreiben den 15. Oktober 1927. Wir sind zwar nicht in Berlin, aber es sind die Goldenen Zwanziger und das erste freistehende Kino von Dresden öffnet seine Tore. Natürlich läuft ein Stummfilm, begleitet von der Kinoorgel und einem kleinen Orchester. Was für ein Abend!

Der Art Déco Bau mit seiner an eine Tempelfront angelehnten Fassade (das war der zeitgenössische Anblick damaliger Kinoneubauten in Europa) wurde von dem Dresdener Architekten Martin Pietzsch (1866-1961) entworfen. Der Hauptsaal fasste damals fast 1000 Sitzplätze. Inzwischen verfügt das Lichtspielhaus über fünf Säle mit klingenden Namen. Der Arnulf-Huyras-Saal (Erstbetreiber der Schauburg), der Charlie-Chaplin-Saal (Lichter der GroßstadtModerne Zeiten), der Fritz-Lang-Saal (Metropolis), der Sergio-Leone-Saal (Spiel mir das Lied vom Tod) und der Tarkowski-Saal (Stalker). Ein Kinobesuch ist eben immer auch ein Eintauchen in Filmgeschichte. Vor allem wenn sich ein Kino wie das Filmtheater Schauburg auf die Fahnen schreibt, eine abwechslungsreiche Mischung aus Arthaus-Kino, Dokumentarfilmen, Spielfilmen in Originalfassung und Blockbustern zu präsentieren.

Die von einem Vorhang verhüllte Leinwand vom Filmtheater Schauburg.
Bild: Schauburg dresden innen © Z thomas / Wikipedia CC BY-SA 3.0
So sollte sich Kino anfühlen. Das Filmtheater Schauburg von innen. Viel vom Charme vergangener Zeiten konnte bis heute erhalten werden

Das Filmtheater Schauburg und seine Geschichte

Der Weg bis zu den fünf Kinosälen von heute war von vielen Umbauten und Erweiterungen geprägt. In den 50er und 60er Jahren legte die DDR Hand an. Auch 1987 wurde nochmals renoviert. Richtig viel Geld in den Bau zweier neuer Kinosäle floss in den frühen Neunzigern, als die Nickelodeon Filmtheaterbetrieb Dresden GmbH das Filmtheater Schauburg übernahm. In den 90er Jahren gab es zeitweise einen Rund-um-die-Uhr-Kino-Betrieb. Das war mindestens so innovativ wie die in den 70er Jahren entstandenen Visionsbars, die es auch in sogenannten Clubkinos gab. Dort durfte geraucht, gegessen und getrunken werden, während der Film im Hauptraum durch eine hoffentlich gut geputzte Glasscheibe beobachtet werden konnte. Solche Manieren sind heute allenfalls noch im Autokino möglich; vielleicht ja auch mal ein möglicher Ausflug mit dem Reisebus, möchten wir mit einem Augenzwinkern bemerken. Der Reisebus wird es übrigens schwer bis unmöglich haben, in der angesagten Äußeren Neustadt von Dresden einen Parkplatz zu finden; am besten ist es, Sie lassen sich vom Bus direkt am Kino absetzen und später nach dem Hauptfilm und einem anschließenden Restaurantbesuch wieder einsammeln.

Einzelbilder einer Filmrolle, die ein Rennpferd beim Galopp zeigt.
Bild: Muybridge race horse gallop © Photos taken by Eadweard Muybridge (d. 1904). Edit by User:Waugsberg / Wikipedia CC0 1.0
Die alten 35 mm-Projektoren haben inzwischen weitestgehend ausgedient. Traurig für eingefleischte Cineasten, aber der Großteil des Publikums hat sich sehr gut mit der neuen Digitaltechnik arrangiert

Das Filmtheater Schauburg bietet dem Zirkus Sarrasani einen Auffangort nach dem Krieg

Zurück zur Geschichte des Kinos. Nach dem Zweiten Weltkrieg, die Bombennacht und die Dresdener Feuersbrunst hatte das Filmtheater überstanden, gab es im Kinosaal ein Jahr lang Aufführungen des weltberühmten Zirkus Sarrasani. Die Zirkusgruppe hatte nämlich weniger Glück; ihr 1912 errichtetes Zirkusgebäude im Herzen Dresdens, am Carolaplatz in der Neustadt, stand nicht mehr. Ironie des Schicksals: heute finden jährlich im Sommer ganz nah am alten Standort des Zirkus Sarrasani die Dresdener Filmnächte am Elbufer statt. Cinema und Zirkus. Zwei Künste, welche die Zeiten überdauert haben. Und welche Veränderungen hat erst die Kinotechnik gemacht. Vom Lichtspielhaus mit Stummfilmen (begleitet von Live Musik), über die Erfindung des Ton- und Farbfilms bis hin zu modernen 3D-Kinos und digitaler Filmtechnik. Im Filmtheater Schauburg gibt es übrigens beides noch; neuste CinemaScope Technologie (also Breitleinwand) mit Dolby Surround und den etwas kleineren Saal mit älteren Projektoren. Gemütlich eingerichtet sind alle Säle. Kein kühler, kalter Glanz, sondern warme Wände und Vorhänge. So macht Kino Freude!

Ein altes schwarz-weiß Foto aus dem Jahr 1912 mit dem Zirkus Sarrasani.
Bild: Dresden Zirkus Sarrasani Carolaplatz Neustadt 1914 © Deutsche Fotothek Dresden (Möbius) / Wikipedia CC0 1.0
Der Bau des Zirkus Sarrasani aus dem Jahr 1912. Den Zweiten Weltkrieg überstand er nicht und so kam er zwischenzeitlich im Filmtheater Schauburg unter

Das Filmtheater Schauburg lebt weiter in der Planwirtschaft

Nach dem Film haben wir eine besondere Idee für Sie. Nach den neusten Umbauten im Jahr 2017/2018 wurden auch die alten Kinostühle entsorgt oder besser gesagt, einer neuen Verwendung zugeführt. Sie wurden verkauft und versteigert. Ein paar von ihnen sind unweit des Filmtheaters Schauburg gelandet. In der Gaststätte Planwirtschaft auf der Louisenstraße, gerade einmal 5-10 barrierefrei zurückzulegende Minuten entfernt. Am schönsten ist es, wenn Sie nach dem Kinoabend nach Osten auf den Alaunpark zusteuern. Der am Alaunplatz gelegene kleine Park wirkt sehr lebendig und wird auch von vielen jungen Leuten aufgesucht, die in der Dresdener Neustadt wohnen. Von dort biegen Sie rechts in die Alaunstraße und gelangen nach drei Querstraßen bereits zur Louisenstraße. Die Planwirtschaft selbst bietet einen kleinen Freisitz für laue Sommernächte, hat aber auch drinnen eine einladende Ausstrahlung; und eben besagte Kinosessel aus der Schauburg. Kulinarisch gibt es von Soljanka über Rindfleischsülze bis zu Süßkartoffelcurry raffinierte Kreationen zu erschwinglichen Preisen. Jetzt lässt es sich in kleinerer oder größerer Reisegruppe eifrig über den gesehenen Film diskutieren. Vielleicht hatten Sie ja auch das Glück, bei einer Premierenveranstaltung dabei gewesen zu sein. Zu solchen besonderen Anlässen sind immer auch Stars wie Andreas Dresen (Sommer vorm BalkonAls wir träumtenGundermann), Leander Hausmann (SonnenalleeHerr Lehmann), Fatih Akin, Daniel Brühl, Tom Schilling und Benno Führmann anzutreffen. Es wird wohl Zeit, auch mal ein paar Regisseurinnen und Schauspielerinnen ins Filmtheater Schauburg einzuladen. Aber auch darüber lässt sich ja ganz vortrefflich und herzlich bei einem Glas Wein oder bei einem frischgezapften Bier streiten.

Ein schwarz-weißes Filmfoto von Charlie Chaplin im Film "The Kid"
Bild: Chaplin The Kid edit © Unknown photographer / Wikipedia CC0 1.0
Charlie Chaplin (1889-1977) wie ihn seine Fans lieben. Hier 1921 in seinem Film The Kid, in dem er von Regie über Musik bis Schnitt alles machte. Hauptdarsteller war er natürlich sowieso. Ein paar Jahre später flimmerte er auch über die Leinwand des Filmtheaters Schauburg in Dresden

Hinweise

  • Filmtheater Schauburg, Königsbrücker Str. 55, 01099 Dresden
    Tel.: 0351-8032185
  • Die Planwirtschaft hat Dienstag bis Samstag von 17.00 Uhr bis 0.00 Uhr geöffnet
    Louisenstraße 20, 01099 Dresden
    Tel.: 0351-8013187
    Für Reservierungen ab 12 Personen fragen Sie bitte per E-Mail an: info@planwirtschaft-dresden.de

Sehenswert

Kinofilme im Filmtheater Schauburg in Dresden. Vorhang auf, Film ab!

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