ArchitekturGeschichteSachsen

Der Nibelungenring. Siedlung im Architekturstil der Neuen Sachlichkeit

4 Min. Lesezeit
Bild: Lößnig von oben © Matin Geisler / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Der Name ist Programm. Der Nibelungenring in Leipzig. Davor ein kleiner See im Erholungspark Lößnig-Dölitz

Leipzig ist Richard-Wagner-Stadt.
Der Ring der Nibelungen hat sogar in der Architektur seinen Widerhall gefunden.
Folgen Sie uns in die Nibelungensiedlung aus den 20er Jahren und auf die Spuren des Drachentöters Siegfried.

Siegfried, der im Zentrum der Nibelungensage steht, einem frühen deutschen Nationalepos, kämpfte gegen einen Drachen und badete in dessen Blut. Das im 13. Jahrhundert, also im Mittelalter verfasste Nibelungenlied war im frühen 20. Jahrhundert festes Kulturgut. Rund 150 Jahre nach dem von Richard Wagner verfassten Opernzyklus Ring der Nibelungen waren die Motive und Helden ungemein populär. Zur Zeit des Deutschen Kaiserreiches bis 1918 und darüber hinaus. Da wundert es nicht, dass ein Architekt, der ausgerechnet den Namen Ritter trug, den Siegfriedplatz zum Zentrum seiner Nibelungensiedlung machte.

Ein Gemälde, das zeigt, wie Siegfried durch Hagen von Tronje hinterrücks ermordet wird.
Bild: Munich Nibelung Halls-Murder of Siegfried © Flying Pharmacist / Wikipedia CC BY 3.0
Siegfried wird durch Hagen von Tronje hinterrücks ermordet. Ein Lindenblatt war bei Siegfrieds Bad im Drachenblut auf dessen Rücken gesegelt. Die einzige Stelle, an der Siegfried verwundbar war

Ein Ritter hat die Nibelungensiedlung entworfen

Doch anders als man zunächst meinen könnte, dachte Hubert Ritter (1886-1967) nicht rückwärtsgewandt, sondern ausgesprochen modern. Er fühlte sich dem Kunst- und Architekturstil der Neuen Sachlichkeit verpflichtet, dachte und arbeitete funktional. Wir denken an Bauhaus und Architekten wie Mies van der Rohe oder Walter Gropius. Tatsächlich kannten sich Gropius und Ritter. Seit 1924 als Stadtbaurat der Stadt Leipzig mit den ganz großen Entwürfen für Stadtentwicklung befasst, lud Ritter 1927 zur Leipziger Siedlungswoche ein. Hier wurde national und international über modernen Wohnungsbau und Siedlungsstrukturen diskutiert. Und bald darauf wurde auch schon gehandelt.

Der Blick vom Siegfriedplatz auf die drei ringförmig angeordneten Gebäuderiegel des Nibelungenrings
Bild: Rundling 01 © Markus.Michalczyk / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Blick vom Siegfriedplatz auf die drei ringförmig angeordneten Gebäuderiegel der Nibelungensiedlung

Modernes Wohnen zum Ende der 20er Jahre

1929/1930 entstand die Nibelungensiedlung im südöstlichen Leipziger Stadtteil Lößnig. In drei konzentrischen Kreisen wurde eine Wohnanlage aus 24 Gebäuderiegeln mit insgesamt 624 Wohnungen erbaut. Um die vorhandene Hügellage noch mehr zu betonen, wurden die äußeren beiden Ringe zweigeschossig und der innere Ring dreigeschossig errichtet. Hier wurde modernes Wohnen mit Licht, Luft und grüner Umgebung versprochen und gehalten. Das ist noch immer so. Tritt man nach Osten aus der mittels Blickachsen geöffneten Siedlung heraus, grenzt mit dem Erholungspark Lößnig-Dölitz ein großes Areal mit Wiesen, Bäumen und kleinen Seen an. Wer hier als Reisegruppe mit dem Bus anreist, findet am Eingang zum Parkgelände nicht nur eine öffentliche, barrierefrei zugängliche Toilette, sondern nach etwa 300 Metern die Gaststätte Zur Schäferei. Benannt ist sie so, weil es als Besucherattraktion ein paar Schafe gibt. Die sind allerdings zum Streicheln dort und nicht zum Essen. Ansonsten handelt es sich um eine einfache Gartenwirtschaft mit bodenständigen Gerichten und großem Freisitz. Der Parkweg, der vom Siegfriedplatz aus hierhin führt, ist die Siegfriedstraße.

Der Silbersee im Erholungspark Lößnig-Dölitz in unmittelbarer Nähe zum Nibelungenring
Bild: Lößnig Silbersee © Geisler Martin / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Erholungspark Lößnig-Dölitz in unmittelbarer Nähe zur Nibelungensiedlung bietet sich für einen Spaziergang an

Vom Nibelungenring und der Kraft des Überdauerns

Zurück zur Siedlung, die außer mit dem Nibelungenring, dem Siegfriedplatz und der Siegfriedstraße folgerichtig auch mit einer Kriemhildstraße aufwarten kann. Kriemhild ist in der Nibelungensage die Königstochter und Frau Siegfrieds. Nachdem Hagen von Tronje Siegfried heimtückisch ermordet hat, rächt Kriemhild ihren geliebten Siegfried durch Enthauptung Hagens mit einem eisernen Schwert. Auch Kriemhild überlebt nicht. Ganz anders scheint es vielen Bewohnern des Rundlings, so wird die Nibelungensiedlung auch genannt, ergangen zu sein. Es macht den Eindruck, dass sie mitunter schon sehr lange hier leben. Vielleicht gelingt es Ihnen ja, jemand auf der Straße in ein Gespräch über die alten Zeiten der Wohnanlage zu verwickeln. Über die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, über den teilweisen Wiederaufbau in den 50er- und 60er Jahren, über den Zusammenhalt in der Wohnanlage zu DDR-Zeiten und über die Sanierungen in den Nachwendejahren. Schon 1980 wurde die Anlage glücklicherweise unter Denkmalschutz gestellt. So wurde sie nicht abgerissen, sondern konnte überdauern. Originalgetreu wiederhergestellt wurden beispielsweise die hölzernen Eckfenster, die grünen Außenjalousien und die rechtwinklig abstehenden Hausnummern.

Ein schwarz-weiß Foto vom Nibelungenring nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg.
Bild: Rundling Leipzig 1945 342-FH 001325 © Unknown authorUnknown author or not provided / Wikipedia CC0 1.0
Der Nibelungenring nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg. Wiederaufbau und Denkmalschutzstatus retteten ihn bis in die heutige Zeit

Im Zentrum eines Kreises kommen alle zusammen

Am Siegfriedplatz pulsierte das Leben in der Wohnsiedlung, als es in dieser noch sehr kinderreich zuging. Ein großes Becken in der Mitte des Platzes war soweit man weiß nicht mit Drachenblut gefüllt, sondern mit Wasser zum Planschen und Herumtoben. Heute gibt es hier eine Gestaltung mit Rosen und Bänken. Eine Anpassung, so scheint es, an die Mehrzahl der umliegenden Bewohnerinnen und Bewohner. Die Idee eines zentralen Platzes als sozialer Mittelpunkt für Begegnungen war selbstverständlich schon mitgedacht bei der Planung in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Und schönerweise scheint sie bis heute zu funktionieren.

Das Rundlingsdorf als Vorläufer der Nibelungensiedlung

Als Rundling wurde die Wohnanlage mit der Ringform übrigens auch bezeichnet, weil sie in ihrer Architektur an die mittelalterlichen slawischen Rundlingsdörfer erinnert. In ähnlicher Weise gibt es sie bis heute im Wendland, das südlich der Elbe zwischen Hamburg, Hannover und Berlin liegt. Dort wurden die Höfe mit ihrer Front zu einem zentralen Platz ausgerichtet. Die damals im Wendland lebenden Wenden sind übrigens mit den Sorben, einer Untergruppe der Slawen verwandt. Der Name des Stadtteils Lößnig, in dem die Nibelungensiedlung gebaut wurde, bedeutet auf Slawisch Ort am Wald und wird Lesnic genannt. Da schließt sich der Kreis!

Die Skizze eines Rundlingsdorfes im Wendland auf einer Karte von 1830 erinnert an den Nibelungenring.
Bild: Rundling Köhlen 1830 © Unknown authorUnknown author / Wikipedia CC0 1.0
Skizze eines Rundlingsdorfes im Wendland. Eine vergleichbare Idee lag auch der Nibelungensiedlung in Leipzig zugrunde

Hinweise

Nibelungenschnitzel je nach Saison mit Spargel oder Pfifferlingen bekommen Sie ebenso wie vegetarische Gerichte im Biergarten und Wirtshaus Zum Nibelungen. Parken kann der Reisebus an der Kriemhildstraße eher schlecht. Besser ist da der öffentliche Parkplatz an der Georg-Maurer-Straße. Von dort aus sind es etwa 200 Meter durch die südlich der Nibelungensiedlung gelegene Kleingartenanlage. Bei Gruppen ab 15 Personen wird um Vorreservierung gebeten. In der Wintersaison ist nur an den Wochenenden geöffnet. Laut Erfahrungsberichten ist alles inklusive der Toiletten barrierefrei zugänglich, ein offizielles Siegel gibt es allerdings nicht.

Kontakt: 01575-4123306 / Email: info@zumniebelungen.de

Sehenswert

Das Spektrum der möglichen Anknüpfungspunkte ist groß. Von einem Opernbesuch von Richard Wagners Ring der Nibelungen bis zu Tolkiens Herr der Ringe auf Großleinwand können wir ganz unterschiedliche Empfehlungen aussprechen. Letztlich ist so einiges an die Motive aus der Nibelungensage anschlussfähig. Das merkt man spätestens, wenn man selbst einmal beginnt, in die Welt von Siegfried, Kriemhild und Brunhilde einzutauchen.

Zusammenhängende Posts
ArchitekturGeschichteSachsen

Der Stallhof in Dresden – ehemaliger Turnierplatz umgeben von Renaissancearchitektur

Das Visier wird heruntergeklappt. Das Pferd schnaubt. Die Lanze wird gestreckt. Ein Wettkampf um Preis, Ehre und Ruhm! Wir laden Sie ein,…
ArchitekturBrandenburgGeschichtePersönlichkeiten

Burg Rabenstein im Hohen Fläming

Nach unserem Besuch der Belziger Burg Eisenhardt wollen wir per Reisebus die nur 15 Autominuten entfernt gelegene Burg Rabenstein anschauen, deren abwechslungsreiche…
ArchitekturGeschichteIndustrie und HandwerkSachsen

Der Fürstenzug – Parade aus Meissner Porzellan in der Dresdener Altstadt

Was ist ein Herold? Kann ich beim Fürstenzug mitreiten? Und wer hat überhaupt eines der größten gegenständlichen Porzellankachelbilder der Welt hergestellt? Wir…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

×
ArchitekturGeschichteLiteraturPersönlichkeitenSachsen

Das Gohliser Schlösschen – Leipzigs Kleinod aus dem Spätbarock