ArchitekturBerlinGeschichte

Berliner lieben ihren Neptunbrunnen

5 Min. Lesezeit
Der Neptunbrunnen nach Ideen und romanischen Inspirationen von Preußens gefeiertem Baumeister Schinkel. Foto: © Stefan Schaubitzer

Der Bus der Stadtlinie 100 fährt uns zur teilbegrünten Freifläche an der Spandauer Straße, an der es gleich drei bekannte Berliner Wahrzeichen zu sehen gibt. Vor uns befinden sich die gotische Sankt Marienkirche, das Rote Rathaus und der formidable Neptunbrunnen, dem wir uns zuwenden wollen.

Niemanden, der sich für die Berliner Architektur des 19. Jahrhunderts interessiert, dürfte es verwundern, dass auch die brillante Idee für die Errichtung eines kolossalen Neptunbrunnens im klassizistischen „Spree-Athen“ auf einen Vorschlag des gefeierten Baumeisters und Städteplaners Karl Friedrich Schinkel zurückgeht, der als unumstrittener Dienstherr der Oberbaudeputation beinahe sämtliche staatlichen Bauprojekte für die prosperierende Hauptstadt des Königreichs Preußen konzipiert hat.  

Der eigentliche Schöpfer des Brunnens war hingegen Reinhold Begas, der im Jahre 1831 in der damals noch südlich von Berlin gelegenen Schöneberger Vorstadt in eine berühmte Künstlerdynastie hineingeboren wurde. Bereits dessen angesehener Vater Carl Joseph Begas fungierte als königlich-preußischer Hofmaler, der auch seine vier talentierten Söhne allesamt zu geachteten Künstlern ausbilden ließ.

Berninis Vierströmebrunnen und der Neptunbrunnen auf der Piazza Navona in Rom

Die steinerne Figur des Neptun in einem Brunnen in Rom
Der Neptunbrunnen oder Fontana del Nettuno auf dem Piazza Navona in Rom
Foto: © Christian Klam

Auf einer zweijährigen Studienreise durch Italien hatte der Bildhauer Reinhold Begas auf der populären Piazza Navona in Rom den Neptunbrunnen, die Fontana del Nettuno, und vor allem den von Gian Lorenzo Bernini künstlerisch gestalteten Vierströmebrunnen, die Fontana dei Quattro Fiumi, bewundert, die ihm beide als zündende Idee für seinen im Jahre 1886 gefassten Plan dienten, einen gleichwertigen monumentalen Stadtbrunnen mit üppig sprudelnden Fontänen in der preußischen Residenz an der Spree zu erschaffen. 

Der in der Mitte der belebten Piazza Navona gelegene Vierströmebrunnen gilt zum einen als ein außergewöhnliches Meisterwerk hochbarocker Plastik und zum anderen versinnbildlichen seine vier allegorischen Männerfiguren jeweils die vier im 17. Jahrhundert bekannten größten Flüsse, die Donau, den Ganges, den Nil und den Río de la Plata. Getreu nach Berninis römischen Vorbild symbolisieren an Begas‘ Berliner Neptunbrunnen die vier auf dem Beckenrand lagernden realistisch gestalteten Aktfiguren die weiblichen Personifikationen der längsten deutschen Ströme, die Elbe, die Oder, die Weichsel und den Rhein. Die vier mit vielfältigem Beiwerk umrahmten und authentisch wirkenden Bronzenfiguren wurden 1889/91 gegossen. Ihre naturalistischen Formen entfalten eine malerische Wirkung, deren zusätzlicher Reiz durch die künstliche hellgrüne Patina erhöht wird. Einen augenfälligen Eindruck macht auf den staunenden Betrachter auch das aus rotem polierten Granit angefertigte Brunnenbecken mit seinen beachtlichen 18 Metern Durchmesser.

Eine weitere Gemeinsamkeit der Fontana del Nettuno mit dem Berliner Neptunbrunnen

Ein Platz in Rom. Im Vordergrund befindet sich ein Brunnen mit Meeresgottheiten, im Hintergrund stehen Häuser und ein hoher Obelisk
Der Neptunbrunnen in Rom. Dahinter ist der Obelisk des Vierströmebrunnens, der Fontana dei Quattro Fiumi , zu sehen
Foto: © Christian Klam

Eine weitere beide Schmuckbrunnen verbindende Gemeinsamkeit bildet der den römischen Neptunbrunnen dominierende antike Wassergott, der mit seinem obligatorischen Dreizack, einer altertümlichen Jagdwaffe, einen vielarmigen Oktopus ersticht, wobei er von mythologischen Tritonen, halb Mensch und halb Fisch gestalteten Mischwesen, flankiert wird. Adäquat erinnern Begas‘ Berliner Kompositionen seiner wasserspeienden Tritonen, die eine riesige Muschelschale mit der bekrönenden Figur des kraftvollen Meeresgottes Neptun mit seinem unverzichtbaren Dreizack schultern, sowohl mit ihren vielfältigen Meeresgestalten als auch mit ihren entzückenden Putten, den Putti, in ihrer barocken Fülle an Maestro Berninis Brunnenanlagen auf der Piazza Navona in Rom.

Der ursprüngliche Standort des Berliner Neptunbrunnens vor dem Königlichen Schloss 

Mit seriöser Sicherheit können wir konstatieren, dass Reinhold Begas Neptunbrunnen nicht nur zu den bedeutendsten Schöpfungen des Künstlers zählt, sondern dass der meisterhafte Springbrunnen – neben dem Schiller-Denkmal auf dem Gendarmenmarkt und dem Alexander-von-Humboldt-Denkmal am vitalen Prachtboulevard Unter den Linden – auch sein neobarockes Hauptwerk sein wird. Wenngleich der grandiose Neptunbrunnen aufgrund seiner erstaunlichen Gesamthöhe von über zehn Metern seinerzeit zu den größten Fontänen weltweit gehörte, so ist er heute einer der ältesten und schönsten Schmuckbrunnen in Berlin. Es dürfte nicht sehr häufig vorkommen, dass ein vergleichbar großes Projekt wie die mehrjährige Errichtung des Neptunbrunnens von Reinhold Begas zunächst als eine freie Schöpfung entworfen wurde, ohne dass der berühmte Künstler zuvor einen expliziten Auftrag bekommen hatte. Im Jahre 1888 übernahm allerdings, nach langen zähen Verhandlungen über den zukünftigen Standort des Brunnens, die Stadt Berlin die erklecklichen Kosten für den qualitätsvollen Bronzeguss und die Bezahlung der daran beteiligten Handwerker. Noch im gleichen Jahr machte die preußische Residenzstadt das stattliche Wasserspiel Kaiser Wilhelm II. zum ehrerbietigen Geschenk, auf dessen ausdrückliche Anordnung hin 1891 die monumentale rot polierte Granitschale mit ihren perlenden Fontänen mitten auf den südlichen Schlossplatz direkt vor der barocken Fassade des Königlichen Schlosses der regierenden Hohenzollern, in der Achse der Breiten Straße, aufgestellt wurde.

Der lockere Jargon der Berliner

Die für ihren lockeren Jargon bekannte Berliner Bevölkerung bezeichnete in jenen Jahren den neuartigen Neptunbrunnen augenzwinkernd als „Forkenbecken“. Dieser treffende Begriff passte gleich in doppelter Hinsicht, weil zum einen der damalige Oberbürgermeister Berlins Max von Forckenbeck hieß und zum anderen der antike Meeresgott Neptun mit seinem üblichen Dreizack, einer „Forke“, in der Hand in einem großen Brunnenbecken steht. Außerdem wurde verschmitzt behauptet, dass die vier weiblichen Bronzefiguren des märchenhaften Brunnens die einzigen bekannten Damen in der preußischen Spreemetropole wären, die nicht den ganzen Tag lang sprechen, sondern schweigen würden.

Der heutige Standort des Neptunbrunnens zwischen der Marienkirche und dem Roten Rathaus 

Ein Brunnen mit der übergroßen Figur des Neptun samt Dreizack an der Spitze, umringt von Flußgöttinnen
Die großzügig angelegte Wasserkunst mit Liebe zum Detail zwischen dem Roten Rathaus und der St. Marienkirche befand sich ursprünglich vor dem Berliner Schloss
Foto: © Stefan Schaubitzer

Im Zuge des umstrittenen Schlossabrisses waren 1951 zunächst die geringfügigen Kriegsschäden am wertvollen Neptunbrunnen beseitigt worden. Anschließend wurde das herrliche Wasserspiel abgebaut, in diverse Kisten verpackt und in einem Depot eingelagert. Nachdem neu erfolgte Restaurierungsarbeiten im Jahre 1969 abgeschlossen worden waren, kam es anlässlich der Fertigstellung des Fernsehturms – Berliner nennen ihn „Telespargel“ – auf der teilbegrünten Freifläche zwischen der gotischen Sankt Marienkirche und dem Roten Rathaus, dem Amtssitz des regierenden Oberbürgermeisters, zu einem glücklichen Wiederaufbau des einzigartigen Neptunbrunnens an seinem heutigen Standort an der belebten Spandauer Straße. Unbestritten ist der neobarocke Schmuckbrunnen unweit des pulsierenden Alexanderplatzes einer der ansehenswertesten Springbrunnen Berlins, der ihn nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische zu einem beliebten 24-stündigen Treffpunkt macht. Noch heute ist der hübsche Neptunbrunnen des einstmals gefeierten Bildhauers Reinhold Begas ein gelungenes Beispiel wilhelminischer Repräsentationskunst, dessen bravouröse künstlerische Qualität zeitlos sein dürfte. 

Hinweis

Adresse Neptunbrunnen: 10178 Berlin-Mitte, Spandauer Straße

Parkmöglichkeiten Wenige Parkplätze vorhanden. Anreise am besten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, beispielsweise mit der Buslinie 100

Öffnungszeiten Tag & Nacht geöffnet und frei zugänglich

Barrierefrei Der Neptunbrunnen kann barrierefrei umrundet werden. 

Gastronomie Unzählige Cafés und Restaurants befinden sich in der unmittelbaren Umgebung.

Lesenswert

Büttner, Horst; u.a.: Kunstdenkmäler Berlin und Potsdam. Bildband, hg. vom Institut für Denkmalpflege, Berlin 1987. 

Trost, Heinrich; u.a.: Bau- und Kunstdenkmale Berlin I, hg. vom Institut für Denkmalpflege. Berlin 1983. 

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