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Gotha und besondere Geister  – Auf den Spuren der Visionäre

4 Min. Lesezeit
Gotha und besondere Geister - Auf den Spuren der Visionäre Foto: © Stefan Schaubitzer

Aus Misere und Elend zum Edel und Adel: Gesegnete Geschichte.
Die attraktive thüringische Stadt, ganz in der Mitte Deutschlands, ist in ihrer Eigenschaft als Quelle und Geburtshelfer neuer großer Ideen zu weitreichenden Gesellschaftseinflüssen der Folge nicht nur auf dem Gebiet der Bildung und Wissenschaft ein historisch besonderer Markstein.


Neben den ersten formierenden Schritten, welche die älteste heute noch existierende politische Partei unseres Landes, die SPD (damals noch unter dem Vorgängernamen SAP  – Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) in Gotha unternahm, waren es auch ebensolche der ersten an diesem Ort, die das Versicherungswesen in Deutschland aus der Taufe hoben, mit der Gothaer Versicherung.  

Von besonderer Tragweite ebenfalls als Ursprung und Sitz jenes Königshauses Sachsen-Coburg-Gotha, das sich durch die Heirat des diesem entstammenden deutschen Prinzen Albert und der britischen Königin Viktoria 1840 mit der damaligen Weltmacht England vereinte. Eine nicht gewöhnliche Ehe, da nicht nur der dem reinen Zwecke unterworfenen, sondern durchaus von Liebe gebunden. Aus dieser neun Kinder hervorgingen und in welcher Albert erheblichen Einfluss auf seine Frau wie die britische Monarchie hatte. Erst im Ersten Weltkrieg, da mit den Deutschen nun als Kriegsfeinde gegenüberstehend, sich diese eilig in Windsor umbenannte und bis heute die englische Krone wie die Queen, Prinz Charles, die gesamte Familie repräsentiert.     

Sieht man einmal von der dem einen oder anderen zunächst etwas großsprecherisch anmutenden, gegenwärtigen Stadtdevise Gotha Adelt ab und nimmt sich der ursprünglichen Herkunft des Wortes Adel genauer an, so ergibt sich aus der Bedeutungsverwandtschaft zu edel und demnach veredeln, ein durchaus weit weniger pathetisches, ja unverklärt eigentlich plausibles Credo, das in der Sache, insbesondere im Auge ihrer Geschichte, Grund und Recht zur Behauptung hat.

Eisennach und Gotha mit Geschmack und Herz für Gamechanger

Im ausgehenden 18. Jahrhundert und mit Blick auf die davor liegenden ist es nicht das erste Mal, dass von Thüringen her ein frischer Wind weht. In dessen Rufen gerade jene Freigeister die Stimme von neuem Vertrauen und neuer Heimat finden, die solchem als bisher Geglaubten beraubt und als unruhestiftende Ketzer und Querdenker diffamiert und geächtet, sich ihres Leib und Lebens in der Alten Welt nicht mehr sicher sein konnten. Unbequeme Brandstifter am verdorrten Holz tradierter und dem tragbaren (Zusammen)Leben immer mehr entfremdeter, erstarrter Macht- und Deutungsnormen. 

Vom Blitz der Erhellung Berührter, die mit flammendem Herz und nüchternem Verstand zur gleichen Zeit die Art von Fragen stellten, deren Preis zu zahlen – sie nämlich laut, deutlich und öffentlich zu stellen – bisher so keiner wagte oder willens war, dafür Tod, Verdammung und Schande auf dem drohenden Scheiterhaufen in Kauf zu nehmen. Originelle Köpfe, Abweichler des Mainstreams, Widerspruchstapfere, die Wurzelwahres, Fundamentales, Wandlungsbewusstes, vor allem Notwendiges so mit jeder Faser ihres Daseins bewegt, dass sie tatsächlich bereit sind, auch mit dem Leben dafür einzustehen. Antwortende eines Rufens, die zu ihrer vornehmsten Verpflichtung nichts weniger als das zur Perspektive nahmen:
Statt wie bislang fremdbestimmtes Rädchen und Gefangener von Uhrwerken des Althergebrachten zu Willen zu sein – von nun an selbsterwacht, sich seiner selbst durch Bewusstsein geschärften, selbstermächtigt des Einzigen, was neben Vergangenheit und Zukünftigem tatsächlich greifbar und formbar ist – als Stellmacher am Rad des Hier und Jetzt, der Gegenwart. Ein Wind vom Geist genährt, der in diesem verdichteten Brennglas Thüringen als geografischem Zentrum Deutschlands und den harten Lektionen verheerender Kriege (wie dem Dreißigjährigen als einer bis dahin beispiellos entkräftenden, als geradezu gottesstrafend apokalyptisch empfunden) ein grunderneuertes Menschenbild, zu seiner Zeit außergewöhnlich erwachtes, humangesinntes als logische Konsequenz zog.

Im Zeugenschutzprogramm des Aufbruchs und mit neuer Identität
Adam Weishaupt und  Martin Luther

Ein Stich in runder Form, der Adam Weishaupt zeigt
Bild: Adam Weishaupt © Christoph Wilhelm Bock artist QS:P170,Q1086094 Gottfried Valentin Mansinger / Wikipedia CC0 1.0
Der vielleicht Unbekanntere der beiden Visionäre, Unruhestifter, Leitsterne: Adam Weishaupt

Aus der Not zur Gunst der Stunde, gravierender  Zäsur vom Lauf der Geschichte zu Zeitenwende – zwei Heimatberaubte. Zum einen, im Sturm und Feuer der Aufklärungsära: Adam Weishaupt, dem Gründer des Freimauerbundes Die Illuminaten aus Ingolstadt in Bayern. Jener subversiven und aufrührerischen Gemeinschaft, als geheimniskrämerisch verschrien, angetreten keine kleinen Brötchen zu backen und freimütig keinerlei Hehl aus ihrer Absicht machten, eine herrschaftsfreie Welt zu schaffen. Mit offiziell geführten Mitgliedern seinerzeit, zu den auch Weltgenies wie Mozart, Goethe und der überaus scharfsinnige, großartige Freiherr von Knigge zählten.

Ein Gemälde von Luca Cranach dem Älteren, das Martin Luther zeigt
Bild: Junker-Jörg-ML © Lucas Cranach the Elder artist QS:P170,Q191748 / Wikipedia CC0 1.0
Der zweite Heimatberaubte und Asylfindende: Martin Luther


Zum anderen Martin Luther, dem Begründer der Reformation, des Protestantismus, der evangelischen Kirchen. Beide geächteten Asylsuchenden, Luther und Weishaupt, verband nicht nur Thüringen als rettende Zuflucht in drängender Not von Verfolgung, in Angst um Leib und Leben. Darüber hinaus, wie einer wie der andere die Lehre vom Menschen in Gottes Hand in so tief universeller Betrachtung und zur gleichen Zeit in so verblüffend originellem Begriff von Anschauung ernst nahm. Als Resultat den daraus gewonnenen Früchten der Erkenntnis gleichsam bislang beispiellos und einzigartige, existenziell neugedachte Gestalt zu verleihen. Präziser gesagt, in reformatorischer Weise auf ihre Ursprünge zu besinnen, die, von solchen im Hinblick seinerzeitiger Verhältnisse und vom scharfen Kontrast der Entfremdung gekennzeichneten, einem gesellschaftlichen Erdbeben gleichkamen.  

Der Blich in den Hof der Wartburg in Eisenach
Die Wartburg in Eisenach – ein Ort des Asyls für Luther
Foto: © Stefan Schaubitzer

Ähnlich wie bereits rund 250 Jahre zuvor, 1521, unweit im benachbarten Eisenach auf der Wartburg ein ebenfalls ausgesprochen unwillkommener wie hartgesottener Quälgeist damalige Obrigkeiten in Atem hielt, war auch Weishaupt wie Luther ein hervorragender Experte der Theologie und hätte von den meisten Zeitzeugen seiner Gegenwart kaum unterschätzter sein können im Hinblick des gravierenden Einflusses, welcher weltweit bis heute wirkt. Mit Leitsternen von buchstäblich außerordentlicher Art und in solcher mit höchst kontroversen Vorstellungen beseelt, fand Weishaupt wie einst Luther Schutz und neue Wirkungsstätte im Wohlwollen und sympathisierenden Eigensinn günstig gestimmter Regenten dieser ganz bestimmten Region.

Die Burgmauer der Wartburg in Eisenach
Hier folgte Luther bekanntlich seinem Ruf, unterstützt durch einen günstig gestimmten Regenten
Foto: © Stefan Schaubitzer

Es beginnt nicht mit ‚Schicksal‘ – es beginnt damit, was aus einem Menschen durch Prägung wird.
Es ist alles möglich

Das so etwas wie die Aufklärung in Europa möglich war und eine Blüte  der Kultur, der Wissenschaft und bahnbrechende Erfindungen hervorbrachte – durch Menschen, die sich ihrer selbst und damit ihrer Möglichkeiten bewusster wurden – das ist etwas , das das gewaltsame Kleinhalten von Mensch und Bewusstsein – gegen diese freie Entfaltung, durch Unterdrückungsregime und totalitäre Systeme, niemals kann.

Dieses freiheitliche wie innovative Denken, Handeln und Wirken mit Lust am Schöpfergeist ungewöhnlicher Wege, neuer Perspektiven, hat hier an diesen Orten, Eisenach und im besonderen Gotha, eine lange Tradition. Mögen neue bewegende Köpfe auf der Bildfläche des Zeitgeschehens und in Zukunft den Geist dieses Erbes wohl bewahren, schützen, erneuern und weitertragen.   

Das Schloss in Gotha in der Abenddämmerung
Der Geist von Gotha wirkt hoffentlich auch in der Zukunft weiter
Foto: © Stefan Schaubitzer
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