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Zu Besuch bei Winnetou und Old Shatterhand – Das Karl May Museum in Radebeul

6 Min. Lesezeit
Bild: Villa Shatterhand © --Immanuel Giel 10:42, 22 September 2005 (UTC) / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Villa Shatterhand steht in goldenen Buchstaben am Karl May Museum, dem früheren Arbeits- und Wohnraum von Karl May unweit der Elbe bei Dresden

Karl Marx verdrängte Karl May.
Zu DDR-Zeiten war das 1928 eröffnete Karl May Museum in Bamberg im Exil. Heute ist es zurück gekehrt und bietet ein tolles Ausflugsziel für kleine und große Indianer und Cowboys! Federschmuck, Tomahawks und Friedenspfeifen.
Willkommen in der Welt der Abenteuerromane des meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellers. Es muss nicht immer Goethe sein!

Er wurde in fast 50 Sprachen übersetzt, hat über 200 Millionen Bücher verkauft und das Bild der Deutschen in Ost und West von Indianern, Cowboys und dem Wilden Westen geprägt. Karl May (1842-1912) ist selbst nur selten weit über Dresden und Radebeul hinausgekommen und doch steht er wie kein Zweiter für Abenteuer, Entdeckungen, Reisen und Neugier. Anders als sein US-amerikanischer Gegenpart im Genre Abenteuerromane Jack London (1876-1916) hat er nicht am eigenen Leib erlebt, was und worüber er geschrieben hat. Karl May, geborener Carl Friedrich May, veröffentlichte im Alter von 32 Jahren seine ersten Erzählungen. Zuvor war er als einziger überlebender Sohn einer sehr kinderreichen Weberfamilie in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er wurde Kleinkrimineller, verbrachte Jahre im Zuchthaus und strickte und verstrickte sich zunehmend in die eigene Biographie zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Dieser Erfindungsreichtum, die Verschlagenheit und Kreativität sollten ihm auch bei seiner Schriftstellerei zu Gute kommen.

Karl May auf einer Aufnahme von 1907.
Bild: KarlMay Raupp © Erwin Raupp creator QS:P170,Q17321513 / Wikipedia CC0 1.0
Karl May auf einer Aufnahme von 1907. Zu dieser Zeit war er ein anerkannter und zunehmend international bekannter Autor. Die Jahre der Jugend auf Abwegen liegen weit hinter ihm

Am Grab von Karl May

Bei unserem Ausflug mit dem Reisebus begeben wir uns heute nach Radebeul, an den Ort der Villen und Weingüter. Nur zwei drei Kilometer vom Elbufer und dem nahen Dresden entfernt, hat Karl May 1895 die Villa in Oberlößnitz-Radebeul erstanden. 1896 hat er den Schriftzug Villa Shatterhand anbringen lassen. Um zwar nicht die Weiten der Prärie zu erkunden, aber um immerhin ein wenig in der Natur zu sein, erwarb er im Folgejahr ein weiteres Grundstück und legte sich einen Obstgarten an. Ob er und seine zweite Frau Klara selbst gepflücktes Obst am Wegesrand gegen einen kleinen Obolus feilgeboten haben ist nicht überliefert. Aber diese Kassen des Vertrauens sind in Radebeul noch immer beliebt. Besucher und Touristen können hier gegen Spenden oder Festpreise lokale Gartenprodukte erwerben. Vielleicht entdecken wir eine solche bei einem kleinen Stadtteilspaziergang. Für den Reisebus kann es nämlich notwendig sein, etwas länger und in weiterer Umgebung nach einem Parkplatz zu suchen. Falls Sie dabei sogar südlich der Eisenbahnlinie landen, die von Dresden ins über 100 km westlich gelegene Leipzig führt, können Sie gleich den Friedhof Radebeul-Ost besuchen. Hier finden Sie das unter Denkmalschutz stehende Grabmal von Karl May, zu dem er sich während einer Orientreise an der Schwelle vom 19. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert hat inspirieren lassen.

Grabmal mit Gruft von Karl May. Angelehnt ist es architektonisch an einen antiken Tempel.
Bild: Grabmal Karl May © Karl-Heinz Meurer / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Grabmal mit Gruft von Karl May. Angelehnt ist es architektonisch an einen antiken Tempel zu Ehren der Göttin Nike, der Göttin des Sieges. An Selbstbewusstsein mangelte es dem mit 70 Jahren verstorbenen Karl May offenbar nicht

Silberbüchse und Bärentöter

Da wir uns aber ursprünglich mehr mit dem Leben und den Werken von Karl May beschäftigen wollten, machen wir uns nun geschwind auf zum Karl May Museum oder lassen uns vom Reisebus eben dort in der Karl-May-Str. 5 absetzen. Der Eintritt in das Dienstag bis Sonntag von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnete Universum des Winnetou-Erfinders schlägt mit 9 Euro zu Buche; ermäßigt kostet der Eintritt 7 Euro, Kinder bezahlen 3 Euro. Im Museum bieten sich zwei Pfade an, auf die wir uns begeben können. Das Haupthaus, die schon erwähnte Villa Shatterhand reitet einmal kreuz und quer durch das Leben von Karl May. Arbeitszimmer, Wohnzimmer und weitere Räume des Hauses sind so gestaltet, wie sie vor fast einhundert Jahren ausgesehen haben. Mit langen Bücherregalen, orientalischen Möbeln (man denke an Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar) und Bärenfellen.

Diese drei Gewehre namens Silberbüchse, Bärentöter und Henrystutzen hat Karl May extra anfertigen lassen.
Bild: Karl May Museum Gewehre © Immanuel Giel / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Nie im Wilden Westen gewesen sind diese Gewehre. Sie stammen von einem Radebeuler Büchsenmacher, von dem sich Karl May diese nach eigenen Vorstellungen hat anfertigen lassen. Sie tragen die berühmten Namen Silberbüchse, Bärentöter und Henrystutzen.

Indigene Kultur Nordamerikas im Karl May Museum

Die zweite Möglichkeit in die Ausstellung einzusteigen bietet sich an, wenn wir durch den kleinen Garten und das gegenüber liegende und dazugehörige Grundstück laufen. Wir kommen am Herzsee vorbei (ein winziger angelegter Teichtümpel), denken vielleicht daran, wie wir das erste Mal Der Schatz im Silbersee gelesen haben und gelangen zur Villa Bärenfett. Dieses 1928 erbaute Blockhaus sieht nicht nur sehr wildwestmäßig aus, es beherbergt auch Hunderte ethnologische Objekte aus dem 18. bis 20. Jahrhundert. Diese bringen einem die indigene Kultur nordamerikanischer Indianervölker nahe. Außerdem gibt es in den 20er, 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gefertigte lebensgroße Indianerfiguren, Schmuck, perlenbestickte Kleidung und Federarbeiten zu bestaunen. Bis zum Jahr 2028 soll dieses Blockhaus wie das ganze Museum aufwendig saniert und barrierefreier zugänglich gemacht werden. Noch Bedarf es genauer Absprachen und Anfragen bei der Museumsleitung, welche Teile der Häuser ohne Einschränkungen erlebbar sind. Träger ist die Karl-May-Stiftung, die schon 1913 von Karl Mays zweiter Ehefrau Klara ins Leben gerufen wurde und bis heute fortlebt.

Der Eingang zur Villa Bärenfett am Karl May Museum, daneben ein Totempfahl
Bild: Villa Baerenfett gr © Villa Baerenfell photo by [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Igelball Igelball] / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Eingang zur Villa Bärenfett . In der Blockhütte aus dem Jahr 1928 kann man sich auf Fährtensuche indianischer Kulturen begeben. Der aus einem Stamm gefertigte Totempfahl begrüßt mit einer grinzenden Fratze die Besucher

Karl Mays größte Schöpfung – Winnetou

Wem verdanken wir eigentlich die unablässige Faszination für Indianer, genau genommen für die indigene Bevölkerung Nordamerikas, die durch den weißen Mann fast ausgerottet wurde? Neben Karl May sind hier zwei Menschen zu nennen, die in jeweils unterschiedlicher Ausprägung für die Sozialisation im Osten und im Westen Deutschlands vor seiner Wiedervereinigung prägend waren. Pierre Brice (1929-2015) wurde in den 60er Jahren durch unzählige Karl-May-Verfilmungen als Winnetou bekannt. In den späten Achtzigern verkörperte er den berühmten Apachen-Häuptling bei den bekannten Karl May Festspielen in Bad Segeberg. Ihm nachfolgen sollte der in Ostdeutschland dank DEFA berühmteste Indianerdarsteller Gojko Mitić (Jahrgang 1940). Als deutsch-serbischer Schauspieler spielte er viele Hauptrollen und fand erst durch das imposante Draußen-Theater nördlich von Lübeck wirklich zu Karl May.

Der vom Publikum geliebte DEFA Schauspieler und Winnetou Darsteller Gojko Mitić im Jahr 1978
Bild: Bundesarchiv Bild 183-T0701-0015, Neubrandenburg, Gojko Mitic, Natalia Rytschagina © Bundesarchiv, Bild 183-T0701-0015 / CC-BY-SA 3.0 / Wikipedia CC BY-SA 3.0 DE
Der vom Publikum geliebte DEFA Schauspieler Gojko Mitić im Jahr 1978. Während der Westwinnetou 2015 in die ewigen Jagdgründe einging, hat der inzwischen über 80 jährige Mitić gerade erst seinen Geburtstag im Karl May Museum in Radebeul nachgefeiert

Karl May lesen heißt dicke Wälzer verschlingen

Eine letzte Geschichte wollen wir Ihnen noch mitgeben, bevor Sie den Ausflug vielleicht im griechischen Restaurant Atlantis (300 Meter vom Museum entfernt) ausklingen lassen. Nicht alles bei Karl May ist erfunden, wie es so mancher vorwurfsvoll formuliert. Der Autodidakt führte zwar einen falschen Doktor, hielt sich zunehmend selbst für Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, aber er war auch ein leidenschaftlicher Theoretiker und gewissenhafter Bücherwurm. Seine Bibliothek zeugt von seinen intensiven Studien zum nördlichen Amerika und dem Orient.

Zwei Reihen Bücher des Schriftstellers Karl May
Bild: Karl May-Bücher © Adrian Michael / Wikipedia CC BY 3.0
Ein Anblick, der Erinnerungen weckt. Wer hat sich nicht als Jugendlicher stundenlang durch die aufregenden Abenteuerromane von Karl May gelesen. Ganze Universen zwischen Buchdeckeln haben viele Menschen in West- und Ostdeutschland fasziniert.

Die dunkle Seite der Welt der Cowboys und Indianer

Im Museum treffen wir auf ein Ölgemälde aus dem Jahr 1936. Es wurde bereits ein Jahr später ausgestellt. Es zeigt die Schlacht am Little Bighorn, ein grausamer Kampf zwischen US-Kavallerie und Indianerstämmen der Sioux und der Cheyenne. Einer der wenigen Kämpfe, welche die damals abschätzig und rassistisch als Rothäute bezeichneten indigenen Ureinwohner Nordamerikas für sich entscheiden konnten. Das verhinderte freilich nicht deren fast völligen Untergang. Sie wurden in Reservate gesperrt und mit Alkohol betäubt. Spielcasinos und sozialer Abstieg standen oft am Ende dieses Marsches nach unten. Entfremdet von der Natur und den eigenen Traditionen, dem Land beraubt und entrechtet. Auch diese Seiten sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns ein paar Stunden lang der Wild-West-Romantik hingegeben haben.

Von Elk Eber (1892-1941) stammt das in den 30er Jahren geschaffene Ölgemälde "Die Indianerschlacht am Little Big Horn", das eine Schlacht im Jahr 1876 im heutigen US-Bundesstaat Montana darstellt.
Bild: Elk Eber – Die Indianerschlacht am Little Big Horn, 1936 © Elk Eber creator QS:P170,Q18620776 / Wikipedia CC0 1.0
Von Elk Eber (1892-1941) stammt das in den 30er Jahren geschaffene Ölgemälde, das eine Schlacht im Jahr 1876 im heutigen US-Bundesstaat Montana darstellt. Klara May (1864-1944) und der damalige Mitbegründer des Karl-May-Museums Patty Frank (1876-1959) haben die Arbeit eigens für das Museum in Auftrag gegeben

Karl May ganz lebendig – jedes Jahr aufs Neue

Wer Karl May Abenteuer mal einen ganzen Tag lang und noch spektakulärer erleben möchte, dem raten wir zu einer baldigen Rückkehr nach Radebeul. Jedes Frühjahr gibt es im nah gelegenen Lößnitzgrund die Karl-May-Festtage. Mit Tipis, Goldschürfen für die Kleinen und einem echten Überfall auf die Eisenbahn. Genau genommen handelt es sich um eine Schmalspurbahn, die von einem Verein erhalten und weitergeführt wird. Wir aber besteigen jetzt erst mal wieder unseren Reisebus und hoffen, dass wir ohne Überfälle durch Indianer oder Cowboys unversehrt nach Hause kommen!

Hinweise

  • Karl May Museum
    Karl-May-Straße 5
    01445 Radebeul 
  • Telefon: 0351-8373010 / E-Mail: info@karl-may-museum.de
  • Führungen für Gruppen dauern etwa eineinhalb Stunden, kosten 50€ zuzüglich Eintritt und werden für maximal 15 Personen angeboten; bei größeren Gruppen kann die Gruppe geteilt werden und zeitversetzt starten
  • Das griechische Restaurant Atlantis liegt ganz in der Nähe; mit Biergarten und gut überlappenden Öffnungszeiten zu den Schließzeiten des Karl May Museums. Von 17.00 Uhr bis 22.30 Uhr bekommen Sie hier täglich Gyros, Rind, Lamm und mediterrane Salate. Freitag bis Sonntag ist sogar zusätzlich von 11.30 Uhr bis 14.30 Uhr geöffnet. Gruppen können unter 0351-8301006 reservieren. Die Adresse lautet: Maxim-Gorki-Str. 2 in 01445 Radebeul

Lesenswert

Wer sich die Frage nach dem Lesen des Artikels noch ernsthaft stellt, dem können wir dann auch nicht mehr wirklich weiterhelfen. Auf geht es in die Welt von Winnetou und Old Shatterhand!

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