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Oldtimermuseum Leipzig – vom Glanz vergangener Zeiten

5 Min. Lesezeit
Bild: VW T1 rot © Mabit1 / Wikipedia CC BY-SA 4.0
Da lacht das Herz der Busfreunde. Ein T1 von Volkswagen. Noch mit luftgekühltem Boxermotor von Ferdinand Porsche

Es funkelt, es blitzt, es strahlt. Chrom, Glas, Leder.
Tauchen Sie ein in die Nostalgie von über 100 Jahren Automobilgeschichte.
50 Prachtexemplare zum Bestaunen. Mercedes, Volkswagen und Porsche sind Ihnen vertraut.
Aber kennen Sie auch die russischen und US-amerikanischen Fabrikate, die einst Sinnbild für Luxus, Prestige und Wohlstand waren?

Wenn man mit dem Reisebus in den Leipziger Westen hineinfährt, fallen sofort die zahlreichen Industriedenkmäler auf. Wir sehen große Backsteingebäude. Allesamt waren sie früher Fabriken. Ehemalige Gießereien und Verzinkereien befinden sich hier. Inzwischen sind sie umgebaut zu Wohnlofts, internationalen Kindergärten, Eventlocations, Museen. Der Großindustrielle Karl Heine erschloss hier quasi im Alleingang Mitte des 19.Jahrhunderts den Stadtteil Plagwitz. Bahngleise, ein nach ihm benannter Kanal und zahlreiche Fabriken entstanden. Viele dieser Gebäude wurden nach der Wende und bis weit in die Nuller Jahre hinein abgerissen. In den letzten 15 Jahren hat sich der Leipziger Westen extrem gewandelt – Aufwertung nennen es die einen, die sich am zurückkehrenden Leben erfreuen, Gentrifizierung die anderen, die eine Verdrängung der Alteingesessenen, das Explodieren der Mieten und eine Kommerzialisierung beklagen. Mitten hinein in dieses umstrittene Herz fahren wir mit unserem Bus. Das Da Capo Oldtimermuseum liegt, wie könnte es anders sein, direkt an der Karl-Heine-Straße. 

Eine ausgediente Iljuschin IL 18 auf dem Dach des Oldtimermuseums
Bild: Flugzeug-Plagwitz © Tnemtsoni / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Eine ausgediente Iljuschin IL 18 erwartet uns auf dem Dach des Oldtimermuseums

Ein Flugzeug auf dem Dach? 

Das Erste, was wir bei der Anfahrt erblicken, ist ein Flugzeug. Ein Flugzeug auf dem Dach. Sind wir nicht gekommen, um Fahrzeuge auf vier Rädern zu bestaunen? Um uns vor dem Individualverkehr zu verneigen, der seit weit über 100 Jahren auf unseren deutschen Straßen rollt? Schließlich hat Carl Benz sich schon 1886 das Automobil patentieren lassen. Und seitdem hat es eine unaufhörliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Nun aber beginnt alles mit einem Flugzeug? Das Oldtimermuseum, so begreifen wir gleich, ist eben viel mehr als ein reines Automuseum. Eine alte Interflug Maschine der DDR, die 1987 ausrangiert, bis zum Jahr 2000 in Berlin-Schönefeld geparkt (ja, auch früher gab es dort schon einen Flughafen!) und dann nach Leipzig transportiert wurde, begrüßt uns von oben. Es handelt sich um eine 32 Tonnen schwere Iljuschin IL-18. Das Wappen der DDR prangt noch auf der Heckflosse der russischen Maschine.

Das Armaturenbrett eines Mercedes 170 DS.
Bild: Mercedes 170 DS Armaturenbrett © I, Claus Ableiter / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Das Armaturenbrett eines Mercedes 170 DS. Im Oldtimermuseum kommen auch Fans alter Materialien auf ihre Kosten. Design zum Staunen

Im Oldtimermuseum Leipzig erwarten uns Glanz und Gloria 

Heckflossen gibt es dann aber auch drinnen zu bestaunen – außerdem viel Chrom, Glanz, runde Scheinwerfer, Ledersitze, blinkende Kühlergrills und alles, was das Herz des Oldtimerfans erfreut. Die sehr geräumige Halle, in der die Oldtimer untergebracht sind, ist zugleich Veranstaltungsort und kann für bis zu 500 Leute gebucht werden. Firmentagungen, Hochzeiten und andere private und geschäftliche Feiern finden hier statt. Aber heute haben wir das Oldtimermuseum ganz für uns. Oder zumindest für uns und die anderen Besucher, die sich am Anblick der etwa 50 Modelle erfreuen. Wir bestaunen deutsche Ingenieurskunst aus dem Hause Mercedes Benz und von Volkswagen

Auch russische FEin M20 Pobeda des sowjetischen Herstellers GAZ aus den 40er Jahren
Bild: ГАЗ М20 Победа © Khusnutdinov Nail (nailgun) / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Auch russische Fabrikate werden im Oldtimermuseum gezeigt. Auf dem Foto ein besonders edler M20 Pobeda des sowjetischen Herstellers GAZ aus den 40er Jahren

Die Automobilgeschichte ist international. Vielfalt im Oldtimermuseum.

Aber auch amerikanische, tschechische und russische Modelle finden wir hier; viele Fahrzeuge aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Ein seit den 40er Jahren gebauter Wolga aus der Automobilfabrik Gorki etwa. Oder ein Cadillac aus den USA, dem zweiten Autoerfinderland neben Deutschland. 1899 schob Henry Ford in Detroit die Entwicklung an. 1901 gründete er die Henry Ford Company und aus dieser ging 1902 die erhabene Automarke Cadillac hervor. Benannt nach dem aus dem gleichnamigen französischen Ort stammenden Gründer der zukünftigen (und inzwischen ehemaligen) Autostadt Detroit Sieur de Cadillac.

Ein Cadillac von 1931.
Bild: 1931 Cadillac 16V Fleetwood 452A Convertible © Bill Griffith, John Burns, Bharat Parmar, John Ceulemans / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der amerikanische Traum zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Cadillac von 1931

Auch Volkswagen und Mercedes präsentieren sich. Das Oldtimermuseum beeindruckt mit deutscher Ingenieurskunst.

Wer mit dem Reisebus anreist, dessen Herz wird erst richtig höher schlagen, wenn er vor einem toll erhaltenen VW Bus T1, einem Bulli aus der ersten Generation steht. Noch mit luftgekühltem 4-Zylinder Boxermotor. Ebenso wie sein kleiner Freund, der VW-Käfer, der auch nicht fehlen darf in der Ausstellung. Der von Ferdinand Porsche erfundene luftgekühlte Boxermotor kam übrigens allein im VW-Bus und im VW-Käfer fast 30 Millionen Mal zum Einsatz. Der letzte alte Käfer lief 2003 in Mexiko vom Band, der New Beetle konnte nie an den Erfolg seines Vorgängers anschließen. Hier versteht man intuitiv, warum das so ist. So knuffig und sympathisch steht das auf Deutschlands Straßen extrem rar gewordene Modell vor einem, dass man gleich einsteigen und losfahren möchte.

Ein beigefarbener VW-Käfer aus dem Jahr 1966.
Bild: VW Käfer Baujahr 1966 © Vwexport1300 / Wikipedia CC BY-SA 3.0
Während früher viele ostdeutsche DDR-Bürger mit dem Trabant an den Balaton in Ungarn reisten, fuhren viele Westdeutsche in den Wirtschaftswunderjahren der Bundesrepublik mit dem Käfer von Volkswagen nach Italien

Brunchen zwischen Oldtimern. Darf es noch etwas Sekt sein?

Während man an die erste eigene Autoreise in der Jugend denkt oder wenn man sich vorstellt, wie herrlich es wäre, selbst mit einem dieser Gefährte durch den Süden Europas zu tuckern, dann kommt vielleicht Sehnsucht und Appetit auf die nächste Tour auf. Apropos Appetit. Nach Voranmeldung lässt es sich in dieser Halle an Sonntagen auch wunderbar brunchen. Dann nimmt man auch das Gebäude nochmal anders wahr und kann seine Gedanken schweifen lassen; oder versuchen, die Kinder zu bändigen, die hier bis zum Alter von 12 Jahren zum halben Preis speisen. Ganz günstig ist das Vergnügen mit 35€ pro Erwachsenem und 17,50€ für die Kleinen dennoch nicht. 

Der Ort selbst hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Das Areal wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Gießerei entwickelt – heute wird hier bei einem der feierlichen Anlässe oder beim Brunch höchstens mal ein Sekt vergossen. Der Unternehmensgründer Rudolph Sack (dessen Familiengrabstätte sich auf dem sich unweit gelegenen Plagwitzer Friedhof befindet) gab zu Lebzeiten Karl Heines die Fabrikgebäude in Auftrag. Bis 1945 waren die Gebäude Pflug- und Landmaschinenfabrik, dann zu DDR-Zeiten im Besitz der VEB Leipziger Bodenbearbeitungsgeräte. Schließlich in den 90er Jahren wurde die ehemalige Fabrik von einem Münchener Immobilieninvestor von der Treuhand gekauft. Er legte sich eine Nostalgiesammlung an, aus der schließlich unter neuen Eigentümern die aktuelle Sammlung entstand. Die gezeigten Oldtimer sind Leihgaben von privaten Oldtimerbesitzern. 

Ein 1951 als Limousine vorgestellter Mercedes-Benz 220.
Bild: Mercedes-Benz 220, 1951-1954 (2008-07-12) kl © Spurzem – Lothar Spurzem / Wikipedia CC BY-SA 2.0 DE
Beim Pariser Autosalon 1951 als Limousine vorgestellter Mercedes-Benz 220. Ein solches Modell findet sich auch im Oldtimermuseum

Mode der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – angemessenes Ambiente für Oldtimerfreunde.

Und noch ein Glanzpunkt der Sammlung haben wir verschwiegen: es gibt nicht nur nostalgische Tanksäulen zu bestaunen, sondern es wird auch noch ein ganz anderes und hervorragend passendes Genre bedient. Die Modewelt und Reiseaccessoires der 20er bis 50er Jahre werden präsentiert. So ergibt sich die Atmosphäre einer richtigen Zeitreise. Auch wenn im Vordergrund natürlich die Selbstbeweger stehen oder vielmehr parken. So ja die genaue Übersetzung des Wortes Automobil aus dem Griechischen. Dies und vieles andere zur Geschichte des Hauses und wie es zum Oldtimermuseum wurde, erfahren Sie auch bei einer individuellen Führung, die sich bei Voranmeldung buchen lässt. Die Sammlung selbst lässt sich für günstige 3€ (ermäßigt 2€) besuchen. Alles liegt ebenerdig und ist barrierefrei zu besuchen. Die Elektromobilität kommt unaufhaltsam – vielleicht ist dies der richtige Zeitpunkt, um noch einmal einen Blick zurück zu werfen auf über 100 Jahre Automobilgeschichte.

Hinweise

  • Das Oldtimermuseum liegt im westlichen Leipziger Stadtteil Plagwitz. Diesen hat der Großindustrielle Karl Heine vor über 150 Jahren erschlossen und entwickelt. Folgerichtig lautet die Adresse des Oldtimermuseums; Karl-Heine-Str. 105, 04229 Leipzig
  • Wer sich für den Sonntagsbrunch anmelden möchte, kann das unter den Telefonnummern 0341/2678150 und 0341/9260137 tun oder online das Reservierungsformular des Da Capo Oldtimermuseums und Eventhalle ausfüllen
  • Direkt um die Ecke liegt das Upper West – auch hier gibt es einen hervorragenden Sonntagsbrunch. Kontakt: 0341/94019930
  • Oder Sie folgen einfach der Karl-Heine-Straße nach Osten,  überqueren den Karl-Heine-Kanal über die König-Albert-Brücke und finden dort  zahlreiche Essensangebote auf der angesagten Ausgehmeile im Leipziger Westen. Beliebt bei Leipzigbesuchern ist das Kaiserbad, das auch für größere Gruppen gastronomisch Platz bietet. Dort gibt es in den Sommermonaten auch einen barrierefrei zugänglichen Freisitz

Lesenswert

Mit über 200 Seiten reich bebilderter Band Oldtimer aus aller Welt zu erschwinglichem Preis, Paul Pietsch Verlage GmbH, 1.Aufl. 2019

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